Journalist & Autor

Aufklärung für Öko-Religiöse

Michael Miersch und Dirk Maxeiner definieren in ihrem neuesten Buch den Begriff „grün“ neu

Ein Gastbeitrag von Dr. Martin Leonhard

Grün sein bedeutet für die Autoren Maxeiner und Miersch, den Menschen und seine Umwelt wieder zum Maß der Dinge zu machen. So das scheinbar schlichte Bekenntnis und doch ein Hilferuf als Schlusssatz eines fesselnden Buches, das jedem mündigen Bürger, vor allem auch jedem Lehrer, Journalisten, Entscheidungs- und Mandatsträger wärmstens zur Lektüre empfohlen werden kann. Das Buch besticht durch eine Vielzahl an Fakten, anhand derer sich der Leser selbst ein eigenes Bild machen kann.
Maxeiner und Miersch sehen sich selbst als Renegaten, als abtrünnige Umweltbewegte. Sie entlarven den „Ökologismus“ als eine der einflussreichsten Religionen der westlichen Welt und sehen sich dabei nicht nur im Einklang mit Michael Crichton, dem verstorbenen Bestsellerautoren (u.a. Jurassic Park), der den Ökologismus seinerseits als die „bevorzugte Religion urbaner Atheisten“ bezeichnete.
All diejenigen, die den Titel nun goutierend zur Seite legen möchten, da ihre eigene politische Vorzugsfarbe eine andere als grün ist, ist die Lektüre besonders zu empfehlen. Politikern der Unionsparteien sei das Buch wärmstens ans Herz gelegt. Auch die Autoren haben festgestellt, dass die CDU grüne Forderungen ein wenig später übernehme als andere, sie dann aber als alternativlos adle. Somit besteht für die CDU dann die Gefahr, so die Einschätzung des Rezensenten, dass sie in einem der hinteren Wagen auch als eine der letzten merkt, dass der Rest des Zugs längst abgekoppelt und auf einem anderen Gleis fährt. Auf dem anderen Gleis winken dann bereits exemplarisch der Bergsteiger und Naturschützer Reinhold Messner, das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) oder die Expertenkommission der Bundesregierung, die alle auf ihre Art und Weise scharf die deutsche Energie- oder Klimapolitik der Bundesregierung als überstürzt, unwirksam oder beides kritisieren.
Der Leser ahnt es schon, es ist alles andere als Friede, Freude, Eierkuchen, was die Autoren anpacken und aufdecken, und davon gibt es auf etwa 380 Seiten eine ganze Menge. Der Leser und alle Entscheidungsträger werden aufgefordert, grünes Denken zu hinterfragen. Das Mantra vom Glauben an die Energiewende hat etwas Sektiererisches, nicht etwas Gottgegebenes. Wir seien denkfaul geworden und die Politik erklärt uns den Weg als alternativlos für die nachfolgenden Generationen. Diejenigen mit der besten naturwissenschaftlichen Bildung seien gegenüber der These der gefährlichen Klimaerwärmung skeptischer als diejenigen mit schlechter Bildung, so zitieren die Autoren Untersuchungen der renommierten Yale Universität. Ein Plädoyer für gute Bildung und kritisches Denken folgt. Wir als Land, das das Kapital zwischen den Ohren hat, sollte da noch Potential haben.
Die Autoren berichten von konkreten Maulkörben für die Wissenschaft, wenn die Botschaft nicht in die klimapolitisch richtige Richtung gehe, oder das generalstabsmäßige Manipulieren von Daten, was 2009 in Fachkreisen als Climategate-Skandal die Runde machte. Die Wissen- schaft bezahle für diese Instrumentalisierung, dass sie von Vielen nicht mehr entsprechend ernst genommen werde. Die Robustheit und fehlende Validierungsmöglichkeit der etablierten Klimamodelle werden hinterfragt, die trotz unbestritten steigender CO2-Werte die seit 1998 etwa konstante Globaltemperatur nicht vorhergesagt haben.
Es wird herausgearbeitet und belegt, dass Armut Natur zerstöre und erst ein gewisser Wohl- stand die Voraussetzung dafür sei, dass man es sich leisten könne, die Umwelt zu schützen. Bezahlbare Energie ermögliche ein gewisses Wohlstandsniveau in Schwellenländern, teure Windkraftwerke sicher nicht. Das Idyll von „zurück zur Natur“, kleinparzelligem, autarkem Leben, das unabhängig vom Rest der Gesellschaft sei, wird dabei angekratzt.
Die Kapitel zur Energiewende in Deutschland sind ein Muss für den Politiker: Ja, man konnte das deutsche Desaster tatsächlich kommen sehen. Die Gebetsmühlen der deutschen Politik überzeugen den aufgeklärten Bürger und Leser des Buches nicht. Die Geschichte des „EEG und der Energiewende ist deshalb eine exemplarische Geschichte für grünes Nicht-Wissen- Wollen und hartnäckige Realitätsverweigerung. Die politische Klasse in Deutschland tut allerdings so, als wäre sie völlig überrascht davon“. Leser des Buches werden solchen Politikern nicht mehr glauben und Fragen nach einer verantwortungsvollen Energiepolitik stellen. Deutschland will der energiepolitische Vorreiter der Welt sein, doch wer folgt?
Das Buch bietet auch einen sehr interessanten Exkurs zur Umweltbewegung der DDR mit einem Gespräch mit Vera Lengsfeld, einer DDR-Grünen der ersten Stunde, die heute CDU- Mitglied ist. Lengsfeld heute kritisch über die Union: „Die ideologiegesteuerte Energie- wende ist ein Coup d’État, wie ich ihn mir bei der Partei der wirtschaftlichen Vernunft, die die CDU einmal war, nicht hätte vorstellen können. Die grüne Ideologie legt sich wie Mehltau über das Land… Zum grünen Mehltau gehört für mich die Vorstellung, planwirtschaftlich verfahren zu müssen. Das ist mehr als erstaunlich, nachdem die Planwirtschaft so kläglich gescheitert ist…. Spätestens seit dem Katastrophenwinter 1978/79 in der DDR, wo ich Energieabschaltungen und ihre Folgen live erlebt habe, ist mein Bedarf an Planwirtschaft gedeckt.“
Anders als es der Titel vermuten lassen könnte geht es Maxeiner und Miersch nur am Rande um die Partei Die Grünen. Kritisch müsse man Organisationen wie die Deutsche Umwelthilfe, den WWF, das Öko-Institut, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, BUND, Greenpeace, PETA und Co. beleuchten. Warum? Diese sogenannten Nicht-Regierungs-Organisationen, aus dem englischen dann als NGOs abgekürzt sind demokratisch nur schwach legitimierte Organisationen, mit oft kleiner Vereinsbasis aber ungehöriger Reichweite und Finanz- kraft. Wer bei einigen der NGOs zu den Spendern zählt, lässt sich im Buch nachlesen. An einem Beispiel etwa wird gezeigt, dass für Marketing und Finanzen doppelt so viel Personal beschäftigt sei, wie im vermeintlichen Kernbereich Umweltschutz. Verkehrte Welt, aber dafür fließen unsere Spendengelder. Verkehrte Welt auch in Berlin: In der schwarz-roten Bundesregierung seien mit Billen (BMJV), Flasbarth (BMU), Baake (BMWi) immerhin drei grüne Staatssekretäre mit NGO-Hintergrund in Bundesministerien vertreten.
Eine große Chance wird Deutschland als wasserreichem Land zugeschrieben, ein Aspekt, der nur selten thematisiert werde („Megatrend Wasser“). Die Autoren plädieren dafür, unsere Landwirtschaft und die dazugehörende Forschung noch weiter auszubauen und entsprechende Technologien zu exportieren. Landwirte gehören zu den weltweit am meisten unter- schätzten Innovatoren.
Die Autoren wagen sich auch an die komplexe und heikle Thematik Gentechnik heran. Dabei stellen Sie etwa die Gretchenfrage, ob der Pekinese nicht auch ein durch menschliche Zuchteinwirkung umgeformter Wolf sei, oder ob man diese Art der Entwicklung als wirklich natürlich betrachte. Die Autoren fragen sich, mit welcher ethischen Begründung der frei verfügbare „Goldene Reis“ bekämpft werde, der viele Ernährungsprobleme der Welt lösen könne und stellen andere gentechnische Reizthemen auf den Prüfstand. Von der Position des Überflusses dürften wir gern im Supermarkt am Produkt, das uns missfällt vorübergehen. Handeln wir aber verantwortungsvoll, wenn durch unser Verhalten Forschungsgelder gestoppt werden, mit denen Lösungen für Ernährungsprobleme im Armenhaus der Welt ermöglicht würden? Diese Verantwortung tragen tatsächlich auch wir und die publizierte Meinung.
Weitere Themen umfassen: Warum in den 1970-er Jahren mit einer one-size-fits-all-Politik die Malaria nicht ausgerottet wurde, wie fair Fairtrade tatsächlich ist, Waljagd: Mythos und Wirklichkeit, was blieb vom Waldsterben, Palmöl und Regenwaldabholzung, wie viel Bio ist in Biodiesel, Torfwälder Indonesiens und vieles andere mehr.

– Alle Urheberrechte bei Dr. Martin Leonhard ©

 


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Dirk Maxeiner, Michael Miersch:
 Alles Grün und Gut?
 Eine Bilanz des ökologischen Denkens
Albrecht Knaus Verlag, München, 2014 384 Seiten, gebunden, 19,99 € (D)

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Aspekte des Islam

War heute wegen meines Titeltextes in Focus “Das hat nichts mit dem Islam zu tun.Doch” als Diskussionsgast bei “Aspekte des Islam” auf Tide TV Hamburg zugeschaltet. Ich muss sagen: Wenn es in den Talkshows der großen Sender gerade beim Thema Islam so unaufgeregt sachlich zuginge, dann wäre das eine kulturelle Bereicherung.

Hier der Beitrag:

 

Das hat nichts…

focus_packshotAusnahmsweise ein Blogtext, der nichts mit Energie zu tun hat, aber mit dem Autor Alexander Wendt: Mein Beitrag zur Titelgeschichte des neuen Focus beschäftigt sich nach dem Massaker von Paris mit der Frage, welcher Islam zur Demokratie passt.

Das hat nichts mit dem Islam zu tun? Doch!

Der neue  Titel des FOCUS stellt die Frage: Hat der Islamismus wirklich nichts mit dem Islam zu tun? Sie stellt die Frage nach der Freiheit des Westens, aber auch nach seiner Feigheit.

 Zwei Sätze aus dem Deutschland des Januar 2015, unmittelbar nach dem Charlie-Hebdo-Massaker in Paris. Der erste: „Wie kann so etwas kein Problem für die Muslime sein oder ’nichts mit dem Islam zu tun haben’, wie es so häufig heißt?“ Der zweite: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun.“ Der erste Satz stammt von liberalen Muslimen des Instituts für Islamische Studien der Universität Frankfurt. Die zweite Aussage von Sigmar Gabriel und etlichen anderen deutschen Spitzenpolitikern. Während sich unter reformorientierten Muslimen erstmals deutliche Selbstkritik regt, halten es viele Politiker für ihre Pflicht, zu beschwichtigen und „den Islam“ pauschal zu einem Teil Deutschlands zu erklären.

Zu den Spitzenpolitikern, die sich gegen die simple Gegenüberstellung von einem vermeintlich unproblematischen Islam und „Islamophobie“ wenden, gehört der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach, der im neuen FOCUS ausführlich zu Wort kommt. Bosbach bekräftigt seine Auffassung, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Der Satz von Bundeskanzlerin Merkel, der Islam gehöre zu Deutschland, sei „nicht richtig“, so der Unionspolitiker. Das Argument, er schade Merkel mit seinem Widerspruch in der Islamfrage, will der Unionsmann nicht gelten lassen. „Ich bin nicht gegen Frau Merkel, ich würde mich für sie in jede Schlacht werfen. Aber wenn ich der Auffassung bin, dass der Satz ‚der Islam gehört zu Deutschland‘ meiner Überzeugung nach nicht richtig ist, dann erlaube ich mir auch öffentlich zu erklären, warum“, so Bosbach zu FOCUS. Der CDU-Innenpolitiker sagte, er habe in den letzten Tagen massenhaft Zuschriften zu dieser Debatte erhalten „99 Prozent zustimmend“.

Ebenso lehne er die Formel „das hat nichts mit dem Islam zu tun“ als Reaktion auf islamistische Anschläge ab. “Wann immer es zu einem islamistisch-terroristischen Anschlag kommt, heißt es sofort: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun!“ Natürlich hat ein Anschlag nichts mit der großen Mehrheit der Muslime zu tun, das sind unsere Nachbarn, Arbeitskollegen, Sportkameraden. Und die meisten Terroropfer sind ja selber Muslime. Aber wenn Terroristen als Motivation für ihre Taten auf ihre eigene religiöse Überzeugung verweisen, oder wenn sich ein Terror-Regime ausdrücklich selber als „Islamischer Staat“ bezeichnet, dann müssen diese Phänomene doch etwas mit dem Islam zu tun haben“, argumentierte er in FOCUS.

Bosbach regt außerdem an, eine Vollverschleierung von Frauen in öffentlichen Gebäuden zu unterbinden. „Wir sollten ernsthaft prüfen, ob wir nicht ein Verbot der Vollverschleierung in öffentlichen Räumen beschließen sollten“, so der Unionspolitiker. „Wenn ein Richter damit Probleme hat, dass während einer Urteilsverkündung in einem Prozess über einen islamistischen Gewalttäter im Zuschauerraum voll verschleierte Personen sitzen, dann ist der Mann nicht islamophob, dann sind seine Sorgen berechtigt.“

Die ganze Titelgeschichte nur im gedruckten Focus am Kiosk oder zum Download auf www.focus.de

Zum Jahresende

Zum Jahresende

Liebe Leser des Blogs und des Buches „Der grüne Blackout“, danke für das große Interesse, für dutzende Mails mit Hinweisen und Anregungen, danke für die Werbung in vielen anderen Blogs und Diskussionen. Und herzlichen Dank für überwältigend viele positive Leserrezensionen bei Amazon!

Seit seinem Verkaufsstart im März 2014 hat der „Grüne Blackout“ gut 3 500 Käufer gefunden. Er zählt damit zu den erfolgreichsten Sachbüchern über das Thema Energiewende in Deutschland.

Der Presseclub Wiesbaden hatte mich zu einer anregenden Diskussion eingeladen, die „Basler Zeitung“ gebeten, als Gastautor eine kritische Bilanz der deutschen Energiepolitik zu ziehen. In der „Welt“ und anderen deutschen Zeitungen und Zeitschriften war der „Grüne Blackout“ Thema.

Im kommenden Jahr wird Koalition in Berlin entscheiden müssen, auch konventionelle Kraftwerke zu subventionieren – weil die Ökoenergie Kohle und vor allem Gas ins Minus drückt, die für eine sichere Stromversorgung aber beide gebraucht werden. Die Fahrt auf der abschüssigen Bahn geht  2015 in die nächste steile Kurve. Und liefert meinen Blogbeiträgen mit Sicherheit genügend Stoff. Cheerio!

 

Basler Zeitung: Zeit für eine nüchterne Bilanz

Die Schweizer interessieren sich brennend dafür, wie es mit der deutschen Energiewende weitergeht. Eine Antwort liefert mein Beitrag “Zeit für eine nüchterne Bilanz” in der Basler Zeitung vom 12. Dezember auf Seite 3. Fazit: Die Energiewende kostet Milliarden, gefährdet das gesamte Stromversorgungssystem – und spart nicht ein Gramm Kohlendioxid.

 

Wenn der Klimaschutz-Zombie witzig einfliegt

Wenn der Klimaschutz-Zombie witzig einfliegt

Zu meinen Lieblingsworten gehören einpflegen, einfliegen und zeitnah, abgesehen von ewigschönen Creativperlen aus den frühen Nullerjahren wie umfairteilen und fairkehr. Ab und zu erlebe ich Menschen in Fahrstühlen, die so reden. Zu dieser Community, Crowd, ja Posse gehört auch Michael Adler, Chef der Werbeagentur fairkehr und Mitschöpfer des berühmten Licht-Aus-Beim-Rein-Raus-Video, das neuerdings im Kino, im Internet wie auch im Auftrag von Barbara Hendricks für Lichtaus, quatsch, Stoßlüftung, nein, abermals quatsch, Klimaschutz wirbt. Millionen von Zuschauern, schrieb schon Kollege Bernd Zeller, dürften sich beim Anblick der Szene gedacht haben: Ach, so sieht unsere Umweltministerin aus.

Wer das Interview mit Adler auf www.energieheld.de liest, der versteht in fünf Minuten mehr über Energiewendelobbyismus als beim Studium ganzer Geheimpapierstapel. Das Wichtigste schon mal in Kürze: Naturwissenschaftliche Kenntnisse schaden nur, wenn man Leute zum Klimaschutzanhänger bekehrt: „Ich mache Klimaschutz nicht, weil ich ihn verstehe, sondern weil ich ihn will.“  Es geht überhaupt eher darum, was man und frau fühlen: „Eisschollen in der Arktis sind schlimm“ (Adler). Ganz wichtig: Das Thema muss „witzig eingeflogen“ werden. Sex und Zombies helfen ungemein. Dann kommt nämlich die Target group aus der „Nachhaltigkeitsszene“ schon von vorn herein und auch hinterher nicht auf die Idee, nach dem Sinn des Klimaschutzes zu fragen. Und schon gar nicht danach, wem die Sache nützt.

Die nachhaltige Video-Kampagne der Bundesumweltministerin kostete übrigens 1,5 Millionen Euro.

 

Bildnachweis: Screenshot Youtube, Zusammen ist es Klimaschutz

EEG-Unterstützer verzweifelt gesucht

EEG-Unterstützer verzweifelt gesucht

Ich weiß, mit Prognosen sollte sich jeder vorsehen. Erst recht in eigener Sache. Als mir  der Pressclub Wiesbaden eine Einladung zum Streitgespräch über die Energiewende schickte, meinte ich, das Publikum auf meinem Blog schon mal einstimmen zu können. Eins würden die Gäste dort nicht zu hören bekommen, nämlich den Standardsatz aller Podiumsgespräche: ich bin ja ganz bei Ihnen. Meine Voraussage erwies sich allerdings als, nun ja, Pustekuchen.

Und das, obwohl mich der Presseclub beziehungsweise mein hochehrwürdiger ZDF-Kollege Reinhard Schlieker ausdrücklich als Autor des Buches „Der grüne Blackout. Warum die Energiewende nicht funktionieren kann“ gecastet hatte. Ambivalent kann man den Titel nicht gerade nennen. Mein Gegenspieler Jens Strüker, Professor für Energiemanagement an der Fresenius-Universität, würde das Gegenteil behaupten respektive beweisen. Also drehte ich gleich am Anfang alle rhetorischen Geschütztürme in seine Richtung: Erstens, in Norddeutschland wird schon jetzt an vielen Tagen weit mehr Grünstrom erzeugt als verbraucht; da sowohl Stromtrassen als auch Speicher fehlen, muss er oft massenhaft in Ausland verschenkt oder teuer entsorgt werden. Zweitens bestehen die windschwachen Südländer wie Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg trotz des Stromüberflusses im Norden darauf, ihre eigenen Windrädchen vorzugsweise in Waldgebiete zu stellen, und das, obwohl mittlerweile zwei Drittel der Mühlen im Binnenland rote Zahlen produzieren. Drittens decken die regenerativen Energien an sonnigen und windigen Junitagen schon den gesamten Strombedarf Deutschlands, bei stilltrübem Wetter wie im Dezember 2013 liefern sie allerdings kaum fünf Prozent der Elektroenergie  – ein Umstand, an dem auch jedes weitere Windrad nichts ändert. Folglich braucht Deutschland neben dem Ökostromsektor auch in Zukunft fast seinen gesamten konventionellen Kraftwerkspark, der selbst mehr und mehr zum Subventionsfall wird, weil er nur noch als Lückenspringer ans Netz darf. Die gesamte Operation Energiewende – Kosten bis heute: 400 Milliarden Euro – spart nicht ein Gramm Kohlendioxid, weil Windräder und Solarzellen keine Kilowattstunde berechenbare Grundlast ins Netz schicken. Was mich zu meinem Ceterum censeo führte: das Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG, muss weg – ein Gesetz, das die gewaltigste ökonomische Fehlentwicklung nach dem zweiten Weltkrieg befördert und außer ein paar  tausend Subventionsrittern keinem nützt.

Dann war Professor Strüker am Zug, und nach ein paar Minuten wurde mir klar, dass ich in Wiesbaden keine Chance zu einem Meinungskampf bekommen würde. Mein Gegenspieler sagte nämlich: Sehe ich im Prinzip genau so. In der Analyse seien wir uns sehr einig. Er finde auch, das EEG könne weg. Mit anderen Worten: ich bin ganz bei Ihnen.

Puhh. Eine rhetorische Breitseite, nur um zu sehen: Bei dem anvisierten Karthago handelt es sich um keine Festung, sondern um eine offene Stadt, über der scheinbar längst die weiße Fahne flattert.

Deshalb frage ich mit diesen Zeilen einmal in die ganz große Runde: Wer verteidigt eigentlich noch das EEG? Schon 2013 empfahl die Monopolkommission, ein Beratungsgremium führender Wirtschaftswissenschaftler, das EEG wegen gravierender Fehlsteuerungen zu streichen. Als nächstes empfahl eine von der Bundesregierung selbst eingesetzte Expertenkommission, das EEG zu streichen, weil es praktisch nichts zur technischen Innovation beitrage. Im Herbst 2014 empfahlen die so genannten Wirtschaftsweisen der Bundesregierung wiederum, das EEG abzuschaffen. Vor wenigen Tagen erklärte Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel bei einem Auftritt in Stuttgart, bei der Energiewende „passt so gut wie nichts zusammen“. Er sagte dort praktisch das Gleiche wie ich, der kleine unmaßgebliche Buchautor, in Wiesbaden. Aber irgendwelche Unterstützer muss es doch geben, die sich für die milliardenverschlingende Umverteilungs- und Chaosmaschine in die Bresche werfen. Franz „die Sonne schickt keine Rechnung“ Alt? Claudia „die EEG-Umlage wird nicht über 3,59 Cent steigen“ Kemfert? Jürgen „Eiskugel“ Trittin? Anyone? Wenn sie noch zu den EEG-Anhängern zählen, dann meiden sie jedenfalls seit einiger Zeit die Arenen des öffentlichen Meinungskampfes.

Praktisch alle Wirtschaftsexperten rammen das EEG in den Boden, der zuständige Minister hält es für ein missratenes Monstrum (siehe Stuttgarter Nachrichten). Aber trotzdem läuft es weiter und weiter, zerlegt die Energiewirtschaft und schluckt jährlich über 20 Milliarden. Karthago steht ohne Verteidiger da, bleibt aber rätselhafterweise Großmacht.

Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, jetzt eine Massenpetition gegen das EEG zu starten.

 
Hier das Link zum Bericht des Wiesbadener Kuriers über die Diskussion.
Foto: Presseclub

Streitgespräch mit Prof. Strücker zum Thema Energiewende

Streitgespräch mit Prof. Strücker zum Thema Energiewende

In der 8. Medienlounge in Wiesbaden am 25. November wird das Publikum einen Satz garantiert nicht hören: “Ich bin ganz bei Ihnen”. Über die Frage “kann die Energiewende überhaupt gelingen?” streite ich mit  Professor Jens Strüker von der Hochschule Fresenius.

Denn die Antwort lautet: die 2011 auf dem politischen Reißbrett entworfene Energiewende ist schon gescheitert.

Hier geht’s zur Webseite des Presseclub Wiesbaden

Hier ist das Link zum Programm.

 

Ein paar Eiskugeln vor. Ein paar Kleckse zurück.

Ein paar Eiskugeln vor. Ein paar Kleckse zurück.

Warum die Stromkunden wenig davon haben, wenn die EEG-Umlage fällt

Am 15. Oktober geben die deutschen Netzbetreiber bekannt, wie viel Ökostrom-Umlage die Verbraucher ab Januar 2015 zahlen müssen. Dieses Mal deutet sich eine kleine Sensation an: die Umlage könnte womöglich erstmals seit dem Jahr 2000 minimal fallen – wahrscheinlich um 0,07 Cent pro Kilowattstunde, deren Preis für Haushaltskunden bei rund 28,50 Cent liegt. An der Ökostromreform Sigmar Gabriels liegt das nicht, denn die trat gerade erst im August in Kraft. Und es beweist auch nicht, wie der Grünen-Energiepolitiker Oliver Krischer behauptete, „dass grüne Energie immer günstiger wird“.  Der Begriff „günstig“ passt ohnehin schlecht für Energien, die im vergangenen Jahr – rein netto – rund 14 Milliarden Euro an Subventionen schluckten. Der Mini-Rückgang liegt in Wirklichkeit daran, dass die Stromkunden mit  der Ökostromumlage seit Kurzem auch ein Finanzpolster in der Kasse der Netzbetreiber aufbauen – also eine Art Vorschuss entrichten, von dem sie jetzt eine Kleinigkeit wiederbekommen. Zweitens wächst die Zahl der Windräder und Solaranlagen seit 2013 etwas langsamer als in der Vergangenheit. Außerdem wehte der Wind 2013 und im ersten Halbjahr 2014  zaghafter als im Schnitt der vergangenen Jahre, es entstand also  weniger subventionsbedürftiger Strom als prognostiziert. Steigende Netzgebühren und die kletternde Offshore-Umlage dürften übrigens den zarten Rückgang im Zehntelcent-Bereich schleunigst wieder kassieren.

Wer seine Stromrechnung mit älteren Unterlagen vergleicht, der kann die Mini-Senkung gut einordnen. Denn über die langfristige Entwicklung gab das statistische Bundesamt vor kurzem Auskunft: Seit dem Jahr 2000 stieg der Strompreis für Haushalte in Deutschland um 92 Prozent. Die Bundesbürger zahlen mittlerweile den zweithöchsten Tarif für Elektroenergie in Europa. Nur in Dänemark ist die Energie aus der Steckdose noch teurer. Fast zeitgleich mit der Berechnung des Statistikamtes forderte die Verbraucherschutzzentrale Nordrhein-Westfalen, die Energieversorger sollten ihre Preise senken. Spielraum gebe es genug. Der grüne Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter lieferte eine  passende Analyse, warum die Stromkosten für die Verbraucher trotz billiger Börsenstrompreise nicht sinken:  „Weil sich einige Konzerne die Taschen vollstopfen. Wir haben zu wenig Wettbewerb auf dem Strommarkt.“

Liegt der Preisgalopp tatsächlich nur an gierigen Energiekonzernen? Welches Geld wohin fließt, kann jeder nachrechnen, der sich den Strompreis ansieht. Denn der gleicht einer Schichttorte: ein Teilbetrag liegt auf dem nächsten. Eigentlich handelt es sich um drei große Schichten. Erstens die gesetzlichen Abgaben und Steuern. Sie machen etwas mehr als die Hälfte aus, zusammen 14, 42 Cent pro Kilowattstunde. Der dickste Brocken, 6,24 Cent, geht an die Betreiber der Ökostrom-Anlagen. Zum Vergleich: im Jahr 2000, als das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Kraft trat, betrug die EEG-Umlage gerade 0,19 Cent pro Kilowattstunde, weniger als ein Dreißigstel des heutigen Betrages. Ein paar Jahre später gab Jürgen Trittin seine berühmte Prognose ab, die Grünstromförderung würde jede Familie nur ein Euro pro Monat kosten, „so viel wie eine Kugel Eis.“ Aber zurück den Kostenscheiben: 1,79 Cent zahlt jeder Kunde pro Kilowattstunde an Konzessionsabgabe, 0,126 Cent für die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung, 0,329 Cent für die Entlastung der Industrieunternehmen, die nur eine reduzierte EEG-Umlage zahlen, weitere 0,25 Cent, um die Verluste von technischen Pannen an Offshore-Windparks auszugleichen. Dann bedient sich noch der Staat mit 2,05 Cent Stromsteuer und 4,7 Cent Mehrwertsteuer. Da die Mehrwertsteuer auf alles gilt, auch auf die Ökostromumlage, verdient der Bundesfinanzminister bei jeder EEG-Umlagenerhöhung kräftig mit.

Weitere 20 Prozent des Gesamtpreises fließen als Netzgebühr für den Transport des Stroms. Auch die reichen die Energieversorger wie ein Inkassobüro nur weiter. Ihnen bleiben gerade 30 Prozent des Bruttopreises als eigentliche Einnahme übrig. Gegner der Stromversorger wenden ein, der Preis an der Leipziger Strombörse sei aber deutlich gefallen – und diesen Vorteil könnten die Unternehmen doch zur Kostendämpfung an ihre Kunden weiterreichen. Doch erstens bedeutet es für Endverbraucher gar keine gute Nachricht, wenn der Börsenstrompreis nach unten geht. Denn die Höhe der Ökostromumlage richtet sich nach der Differenz zwischen Börsenpreis und den festen Einspeisevergütungen für Betreiber von Windrädern, Solarpanels und Biogasanlagen. Fällt also der Börsenstrompreis, dann steigt die EEG-Umlage automatisch – und damit der Verbraucherpreis. Genau dieser Zusammenhang trug kräftig dazu bei, dass der  EEG-Grünstromaufschlag allein seit 2012 um 70 Prozent nach oben schoss.

Außerdem kaufen die Versorgungsunternehmen nicht ihren gesamten Strom an der Börse, um ihn weiterzuverkaufen – denn in dem Fall müssten sie ja ihre eigene Energie zurückkaufen. Sie stellen den Strom in vielen Fällen selbst her und liefern direkt an Kunden mit langfristigen Kontrakten. Leider immer öfter teurer als die Börse, wo die Grünstrom-Mengen die Preise drücken. Vor allem moderne Gaskraftwerke arbeiten schlicht zu teuer, um noch ihre Kosten zu decken. Der wirtschaftliche Druck trifft nicht nur Konzerne, sondern auch  Stadtwerke. „An vielen Tagen“, klagt etwa der Vorstandschef der Stadtwerke Erlangen Wolfgang Geus, „ist das Gas teurer als Strom, den wir damit produzieren.“ Die Aufforderung, seine Strompreise zu senken, dürfte er als absurden Witz empfinden.

Auch die großen Unternehmen am Markt stopfen sich nicht gerade die Taschen voll, wie Hofreiter meint. Das landeseigene baden-württembergische Unternehmen EnBW nahm 2014 eine Abschreibung von 1,2 Milliarden Euro vor und bildete eine Verlustrückstellung von 300 Millionen Euro. Der Konkurrent RWE gab für 2013 einen Rekordverlust von 2,8 Milliarden Euro bekannt. Mitbewerber Eon verdient zwar noch etwas Geld, 2013 ging der Gewinn allerdings schon um 14 Prozent zurück, für 2014 kündigte der Vorstand ein abermaliges Schrumpfen an. Fast der gesamte konventionelle Kraftwerkspark in Deutschland erwirtschaftet Verluste, weil er nur noch als Lückenspringer ans Netz darf, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Allein EnBW möchte deshalb fünf seiner Kraftwerke stilllegen. Das Unternehmen darf nicht. Denn die Bundesnetzagentur stuft diese Anlagen als „systemrelevant“ ein, weil sie die Unzuverlässigkeit des Ökostroms ausbalancieren müssen. Der Energieversorger  muss also Verlust machen – gesetzlich garantiert.

 

(Dieser Text ist auch auf der Achse des Guten erschienen)

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