Journalist & Autor

Stimmen zum Buch

„Einer meiner Lieblingsstellen in diesem faszinierenden und ermutigenden Buch: „’Hans im Glück’ handelt eigentlich von einer erfolgreichen Depressionsbekämpfung. Hat das schon mal jemand festgestellt?“

Harald Schmidt, Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

„Vor allem möchte Wendt darüber aufklären, wie man die Depression bekämpft – und wie besser nicht. Dabei pflegt er einen mal lakonischen, mal ironischen, mal witzigen Ton jenseits von Larmoyanz. Das erleichtert den Zugang zum Thema ungemein. Denn nichts ist deprimierender als deprimierende Bücher über Depression.“

Alexander Grau in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

„Wer es als Betroffener liest, bekommt einen ehrlichen Erfahrungsbericht und damit hoffentlich das Gefühl, nicht allein zu sein. Zum anderen erhält er wirklich umfangreiche Informationen, die beim Umgang mit der Krankheit helfen können. Zu Beginn des Buches hält Wendt Humor für ein gutes Mittel, der eigenen Depression zu begegnen. Nach der Lektüre hat man durchaus den Eindruck, dass er sich den auf jeden Fall bewahrt, komme was wolle.“

3sat

„Die letzte Markierung ist auf Seite 73, danach habe ich mir keine Notizen mehr gemacht. Die Geschichte des Alexander Wendt und sein Kampf mit seinem Miststück zog mich so in den Bann, dass ich vergaß, was ich vorhatte. Eigentlich kann das Buch als Roman gelesen werden, es fehlt nichts, insbesondere die Komik nimmt einen besonderen Platz ein.“

Quentin Quencher auf „Die Achse des Guten“

„Literarisch, klug und alle andere als larmoyant verhandelt der Autor und Journalist das Wesen der Depression.“

Barbara Zahn, Bayerischer Rundfunk

„Das Buch wird als Sachbuch rubriziert, aber man könnte es ebenso gut unter die Literatur rechnen. Wendt ist ein eleganter und witziger Stilist, vor allem dann, wenn er sich selbst zum Material nimmt, denn das im Buch Beschriebene ist auf weite Strecken erlebt und erlitten. Es ist zugleich eine Geschichte des Umgangs mit einer Krankheit, die man lange als durch äußere Einflüsse verursacht begriffen hat – als da wären eine auf diese oder eine andere Weise schwere Kindheit, die individuelle Variante, oder der Kapitalismus als gesellschaftliche Ursache – passt ja irgendwie immer.“

Cora Stephan auf „Tichys Einblicke“

„Alexander Wendt hat einen sehr persönlichen Erfahrungsbericht geschrieben.“

Stefan Maelk, Mitteldeutscher Rundfunk

„Alexander Wendt, 1966 in Leipzig geboren, hat so schwere Depressionen, dass er sich in stationäre Behandlung begeben musste. Nun flaniert er mit dem Leser durch die psychiatrische Szenerie und die Kulturgeschichte der Depression, gelassen, gelehrt, nachdenklich.“

Sophie Dannenberg in Cicero

„Eine gute Mischung aus Theorie und Selbsterfahrung.“

Stefanie Platthaus in den Ruhrnachrichten

„Eine meiner Lieblingsstellen, in der es um Psychopharmaka und die Angst vor der Pharmaindustrie geht, lautet: „Wer immer in meiner Gegenwart von Pharmamafia spricht, den frage ich nach ihrer Adresse, weil ich den Mafiosi gern we- nigstens eine Postkarte schicken würde: ,Ich kann Sie jeder- zeit wärmstens empfehlen‘.“ Jede einzelne Zeile zeigt, hier schreibt ein depressiver Mensch, der sich auskennt, und vor allem: der sich von seiner Depression nicht unterkriegen lässt. Ein Selbsthilfebuch, aber eines, das hilft.“ 

PTA Magazin 6/2016

„Das Buch ist so packend und gleichzeitig auch mit viel Humor geschrieben (was ja schon der Titel hoffen lässt), dass ich die 200 Seiten ohne Unterbrechung gelesen habe — trotz eines erschöpfenden Arbeitstages. Der Leser lernt nicht nur viel über die Geschichte der Depression, er erlebt durch die gute Selbstreflektion und Eigenbeschreibung die depressiven und vor allem manischen Phasen hautnah mit.“

Kirsten Stollhoff auf Springer Link

„Der Autor erzählt unterhaltsam, wie er seiner Depression Grenzen setzt.“  

Bunte

„Der Wissenschaftsjournalist, der das Buch „Du Miststück. Meine Depression und ich“ geschrieben hat, möchte aufklären, wie man die Krankheit bekämpft. Er schreibt über die Geschichte der Depression, über gängige Therapien. Das macht er in einem oft ironischen Ton, jedes Selbstmitleid liegt ihm fern.“

Ingeborg Toth im „Wiesbadener Kurier“

Im Presseclub Wiesbaden konnte ich vor kurzem über mein Buch „Du Miststück. Meine Depression und ich“ mit meinem Kollegen Reinhard Schlieker vom ZDF sprechen, einem Kenner der Materie, und auch ein paar Seiten lesen (von meinem Aufnahmegespräch in der Klinik, Kapitel 1).

Reinhard Schlieker erzählte, dass die Patienten in seiner Klinik ihre vorübergehende Gemeinschaft durch depressiventypische Witze festigen.

Etwan: „Schiebt ein Vampyr ein Tandem. Hält ihn ein Polizist an: ‚Haben Sie was getrunken?’

‚Zwei Radler.’

 

 


 

 

In dem Club fragte mich ein pensionierter Richter: „Könnten Sie auch Normalität bei anderen erkennen?“ Diese Frage habe in seiner Laufbahn nämlich ein gewisse Rolle gespielt: ist jemand normal oder irgendwie angeschlagen?

Ich antwortete, das sei für mich und vermutlich fast jeden schwerer festzustellen als andersherum; Normalität könne man nämlich sehr viel besser glaubwürdig simulieren als einen authentischen Sockenschuss.

Freund *** bringt es auf eine noch kürzere Formel, als ich ihm davon erzähle: „Normalität ist schwerer zu erkennen, weil sie seltener vorkommt.“

 

 


 

 

Jemand, mit dem ich auf Facebook verbunden war, schreibt mir, er hätte mich wegen unterschiedlicher politischer Ansichten entfreundet, dann mein Buch gelesen, und das finde er  –  als Mitglied im Club – gar nicht schlecht.

Da bringt die Hirnchemie wieder zusammen, was die Mode streng geteilt.

Jetzt aber ganz genau hinschauen

Jetzt aber ganz genau hinschauen

 Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom des Sigmar G.

Zwischen Würzburg, München und Ansbach ging in all dem Gerede kommentierender Politiker ein Punkt fast unter,  zu Unrecht, denn sie entfaltet, anders als das meiste Meinen und Spekulieren, tatsächlich eine toxische Wirkung. Unmittelbar nach dem Amoklauf von Ali David Sonboly am 22. Juli fühlte sich der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel verpflichtet, etwas zu fordern. Zu dem Zeitpunkt gab es noch wenig gesicherte Erkenntnisse über den Amokläufer und viel Spekulation. Eins dieser Gerüchte lautete, Sonboly sei depressiv gewesen. Der SPD-Vorsitzende sagte darauf hin, offenbar unter dem inneren Zwang, irgendetwas sagen zu sollen: Staat und Gesellschaft müssten bei psychisch instabilen Menschen „hinsehen und intervenieren – gerade bei Jugendlichen“. Viele Medien verbreiteten außerdem flugs, Sonboly sei depressiv gewesen. Nun gibt es in Deutschland etwa 4,9 Millionen depressive Menschen; zählt man diejenigen dazu, die unter diversen anderen klinischen Störungen leiden, kommt man leicht auf sechs bis acht Millionen. Nach Angaben der Bundestherapeutenkammer sind psychische Leiden nach Erkrankungen des Muskel-  und Skelettapparats und der Atemwege in Deutschland der dritthäufigste Grund für Krankschreibungen. Das Feld, auf dem „Staat und Gesellschaft“ – vertreten durch wen auch immer – nach Gabriels Vorstellung Patrouille  laufen sollen, ist also ein weites.

Nun hatte sich allerdings nach dem Amoklauf ergeben – und es erweist sich immer als nützlich, Details abzuwarten – dass Ali David S. an einer psychosomatischen Krankheit laborierte, und sich nur zur Abklärung der Diagnose kurz auch in einer psychiatrischen Klinik aufhielt. Weder war er im klinischen Sinn allgemein psychisch krank, noch litt er, wie gleich dutzende Medien spekulierten, konkret an einer Depression. Die Deutsche Stiftung Depressionshilfe wies schon darauf hin, dass Depressive eher weniger zur Fremdgefährdung neigen als der Bevölkerungsdurchschnitt, und dass von psychisch Kranken insgesamt nicht mehr Gefahren ausgehen als von Gesunden. 

Außerdem empfiehlt es sich, über einzelne Personen erst dann etwas zu sagen, wenn man mehr als den Inhalt einer dpa-Meldung kennt.

Gabriels Beitrag hätte sich vermutlich gleich wieder versendet, wenn nicht Innenminister Thomas de Maiziere in sein Maßnahmenpaket gegen Terror auch das Vorhaben gepackt hätte, die ärztliche Schweigepflicht so weit zu lockern, dass ein Arzt bei den Behörden Alarm schlagen kann, wenn sein Patient beispielsweise einen Amoklauf ankündigt. Nun ereignen sich Amokläufe oder andere erweiterte Selbstmorde wie der des Germanwings-Piloten Andreas Lubitz extrem selten; und noch seltener dürfte es geschehen, dass jemand seinen behandelnden Arzt über seine Pläne in Kenntnis setzt. Aber schon jetzt haben Ärzte zusammen mit der Justiz die Möglichkeit, bei so genannter Eigen- und Fremdgefährdung Patienten gegen deren Willen in einer psychiatrischen Einrichtung unterzubringen. Auch das geschieht extrem selten.

Gabriel seinerseits meint es vermutlich nicht einmal schlecht; er schwatzt, was ihm gerade durch den Kopf rauscht, weil Politiker gerade nach Ereignissen wie dem Amoklauf von München keine Stille ertragen, sondern sofort reden müssen. Und auch, weil der SPD-Vorsitzende sich seit jeher zu den aufmerksamkeitsökonomisch Unterprivilegierten zählt. Aber beides zusammen, de Maizieres Katalog und Gabriels Instant-Soundbite, wirkt wie ein Zweikomponentengift. Es entsteht der Eindruck, dass der Staat demnächst dabeisitzen könnte, wenn jemand wegen einer psychischen Erkrankung den Arzt aufsucht. Weil angeblich wir alle hinschauen müssen. Abgesehen davon, dass – siehe oben – Ärzte schon jetzt alle Möglichkeiten und vor allem die Kompetenz haben: wer sollten wir alle sein? Nachbarn, denen jemand komisch vorkommt? Beamte ohne psychiatrische Kenntnisse? Eine Bundesgesundheitskammer? Politiker mit einer selbstzugeschriebenen Lizenz zum Tröten?

Wenn sich Amtsinhaber über Klimaforschung, Bankenrettung oder Duschkopfnormierung  verbreiten, geht es oft grotesk zu, aber eher harmlos angesichts des anrichtbaren Schadens. Beim Thema Depression und allgemein psychischen Krankheiten ist das anders. Von denjenigen, die an einer Major Depression leiden, nehmen sich etwa 15 Prozent das Leben. Etwa 10 000 Menschen töten sich in Deutschland jedes Jahr selbst, schätzungsweise 75 bis 80 Prozent davon wegen Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung. Organisationen wie die Stiftung Deutsche Depressionshilfe haben lange daran gearbeitet, das Stigma der psychischen Krankheit zu entkräften und Kranke zu ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Viele zögern auch heute noch, weil sie die Diagnose fürchten, weil sie Angst haben, in der Psychiatrie ihre Autonomie zu verlieren, weil sie Konsequenzen für ihr Arbeitsleben erwarten, wo ein  Dachschaden manchmal auch heute noch anders beurteilt  wird als ein Rückenleiden.

Wenn Politiker auch nur den Eindruck erwecken, Psychiater seien künftig meldepflichtig, psychisch Kranke würden das Objekt einer Kontrolle, dann wird das etliche davon abhalten, sich Hilfe zu suchen, besonders unter denjenigen, die ohnehin hin und her überlegen, ob sie sich zum Arzt begeben sollten. Mit anderen Worten: hier geht es in der Konsequenz um Menschenleben.

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom des Sigmar Gabriel ist dagegen vergleichsweise harmlos. 

 
 
 

Hinter der Kellertür

Der Dokumentarfilm „Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages“ feierte in Berlin Premiere.

Die Filmautoren Axel Schmidt und Michaela Kirst (links), Alexander Wendt und der Vorsitzende der Stiftung Depressionshilfe Ulrich Hegerl diskutieren nach der Filmvorführung in Berlin.
Die Filmautoren Axel Schmidt und Michaela Kirst (links), Alexander Wendt und der Vorsitzende der Stiftung Depressionshilfe Ulrich Hegerl diskutieren nach der Filmvorführung in Berlin.

Für alle, die schon von dem Filmprojekt der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gehört oder gelesen hatten, gibt es eine gute Nachricht mit einer nicht ganz so guten Fußnote. Die gute lautet: Den Dokumentarfilm „Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages“ gibt es nach zweijähriger Vorbereitungszeit; am 8. Juni erlebte ein kleines Publikum in Berlin die Uraufführung. Es wird allerdings noch bis November dauern, bis der 75-minütige Film auch anderswo zu sehen ist. (Und übrigens auch gute Fußnote: zu den Finanziers des Films gehört die AOK; Krankenkassen setzen sich mittlerweile sehr intensiv mit dem Thema auseinander.)

Die Dokumentation von Michaela Kirst und Axel Schmidt begleitet fünf Depressionskranke über eine längere Zeit durch ihre besseren und schlechten Phasen.  Alle fünf versuchen, das Innere einer Depression zu beschreiben.

Anders als viele andere Filme über das Thema verzichtet „Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages“ ganz auf Kommentare und eingeschobene wissenschaftliche Erklärungen. Die Autoren lassen ihre fünf Personen sprechen, oft beobachtet die Kamera auch nur, während die Bilder erzählen.

Wir begegnen einer Familie, und der Vater, Mutter und Tochter auf unterschiedliche Art unter Depression leiden, einer jungen Musikerin, die versucht, mit ihren Traurigkeitsanfällen zu leben, und einer älteren Frau, die den Ausweg aus ihrer chronischen Depression sucht. „Man lebt so jahrelang in einem Haus und hat da schon immer gewohnt, und plötzlich entdeckt man eine Kellertür. Man macht die Tür auf, und es

ist einfach nur dunkel, und irgendjemand stößt einen die Kellertreppe runter und macht die Tür dann zu“, sagt die Musikerin.

In manchen Szenen verdichten sich Momente zu einer kleinen, anrührenden Binnenerzählung, etwa, wenn der Therapeut mit der älteren Frau darüber spricht, wie ihr Zustand als Kunstwerk aussehen würde.  Zur nächsten Sprechstunde bringt sie eine Plastikflasche mit, in der eine Blume steckt, eingeschlossen in Eis. Es ist das Verdienst der Filmautoren, dass daran nichts kitschig oder inszeniert wirkt.

Wahrscheinlich zählt dieser Film zu den besten Gelegenheiten für Nichtdepressive, die Krankheit zu begreifen.

Vorsichtshalber fragte der Regisseur und Arzt Axel Schmidt am Ende ins Publikum: er würde gern wissen, wie die Dokumentation auf einen Nichtdepressivem gewirkt habe. „Ist jemand hier, der sich zu seiner psychischen Gesundheit bekennt?“ Tatsächlich meldete sich ein Zuschauer und sagte, er habe die Protagonisten von Szene zu Szene ernster genommen.

Gruß ans Publikum

Gruß ans Publikum

Nach der Veröffentlichung von „Du Miststück“ hatte ich mit Reaktionen von völlig Fremden gerechnet (die bekomme ich auch), aber weniger mit so vielen Nachrichten aus der Nähe. Leute, die ich über das Netz oder andere Wege kenne, schreiben beziehungsweise erzählen mir, wie sie von ihrer Depression phasenweise unter die Oberfläche gezogen wurden. Oder ihre Lebensgefährten. Ein Kollege teilt mir mit, dass er sein Miststück Gregor getauft hat. Der Name schien und erscheint ihm aus einem nicht ganz durchsichtigen Grund zwingend. Jedenfalls erfüllt er seinen Zweck tadellos, Distanz zu schaffen.

Ein anderer, von dessen Problem ich bis vor kurzem nichts wusste, verabschiedet sich in die Klinik. Der nächste beschreibt mir, wie gut es ihm inzwischen mit einem bestimmten Medikament geht; früher, sagt er, sei er in seinen manischen Phasen ein paarmal zwangseingewiesen worden. Wahrscheinlich muss man erst ein Buch über die Depression schreiben, um zu erfahren, wie verbreitet das Phänomen ist.

Mehrere Leser sagen mir, dass sie sich mit meinem Miststück amüsieren. So soll es sein.
Meine Lieblingsvorstellung besteht darin, wie jemand das Buch in einer Klinik zu lesen beginnt, parallel zur Wirkung des Antidepressivums, und merkt, wie die Wahrnehmungsfähigkeit wieder in ihn zurückflutet.

Vor zwei Jahren lief ich in der Annahme über den Odeonsplatz, ich sei jetzt geheilt. Was natürlich falsch war. Aber ich komme jetzt beim gelegentlichen Durchkentern nicht mehr zurück in den Zustand vor der Klinik, ähnlich wie ein Skipper, der unter Wasser nicht Panik gerät, was in meinem Fall nicht nur an den Medikamenten liegt, die ich nehme, sondern hoffentlich auch an meinen erworbenen Fähigkeiten.

Das, was ich versuche, nennen Militärs aktive Verteidigung. Davon handelt im Großen und Ganzen mein Buch.

Copyright Vija Celmins

Copyright Vija Celmins

Diese ungeheuerliche Entladung im Kopf

Wie ASMR-Videos das Gehirn sortieren

Wie hört sich ein Stück Schaumstoff an, das jemand mit leichtem Druck über eine harte glatte Fläche zieht, an der wiederum zwei leistungsfähige Mikrofone den Klang aufnehmen? Es hört sich voll an, voluminös, straff wie ein neu bespannter Sessel. In den Schaumstoffporen bilden sich kleine  Wirbel von Subgeräuschen. Bevor ich beschreibe, wer diese und andere Geräusche erzeugt, warum hunderttausende Menschen weltweit jeden Abend diesen und ähnlichen Klängen zuhören, und wie diese Frequenzen dabei helfen, Schlaflosigkeit zu bekämpfen, das Gehirn richtig oder jedenfalls besser zu kalibrieren und Spannungen zu lösen, bevor ich also auf die nützlichen Details eingehe, will ich den Begriff nennen, der das alles zusammenfasst. Er lautet ASMR, Autonomous Sensory Meridian Response.

Seit 2010 verbreiten sich die ASMR-Videos im Netz; die meisten stammen aus den USA, mittlerweile gibt es aber auch nichtenglische Angebote. Die Abkürzung ASMR funktioniert wie ein Zugangscode. Selbst erstaunlich viele Neurologen, Populärkulturexperten, Videokünstler und andere, in deren Bereich das Phänomen mit seinen fließen Grenzen eigentlich fallen sollte, können mit dem Kürzel ASMR nichts anfangen. Wer den Code allerdings erfährt und bei Youtube eingibt, der landet auf einem anderen Planeten. Ein Neuling findet sofort so viel Material, dass er Tage nur mit dem Sichten der besten Filme zubringen könnte.

Es gibt ASMR-Videos, die mehr als zehn Millionen Mal angeklickt wurden. Jeder, der einen dieser Filme sieht und vor allem die Geräusche mit einem Kopfhörer wahrnimmt, weiß nach weniger als einer Minute, ob er für Autonomous Sensory Meridian Response erreichbar ist oder nicht. Es handelt sich um eine Ja-Nein-Frage. ASMR-Empfindlichkeit lässt sich nicht trainieren. Deshalb verbreiten sich die Videos nicht viral in alle Richtungen, sie werden vielmehr von denjenigen entdeckt, die erstens durch zufälliges Herumstreifen  irgendwann den Buchstabencode aufschnappen und zweitens merken, dass sie zur Zielgruppe zählen. ASMR-Videoseher bilden deshalb wahrscheinlich die isolierteste Massenbewegung der Welt.

Wobei: es geht gar nicht in erster Linie um das Sehen, sondern das Hören. ASMR basiert sehr oft auf binauralen Tonaufnahmen, das heißt, die mit zwei Mikrophonen aufgenommenen Töne dringen mit jeweils mit minimalen Differenzen rechts und links in den Kopf, der daraus ein einheitliches Geräusch errechnet. Aus diesem Vorgang ergibt sich ein Effekt, der – um einmal mehrere Erklärungsschleifen zu überspringen – bei ASMR-Empfänglichen einen spannungslösenden Zustand erzeugt, den manche angenehmes Rieseln empfinden, andere als Sandharken im neuronalen Zengarten oder als plötzliche Entladung einer Spannung. Die strukturelle Ähnlichkeit mit dem  unendlich unterhaltenden Film in David Foster Wallace’s „Unendlicher Spaß“ fällt fast jedem auf, der das Buch kennt und sein erstes gutes ASMR-Video sieht. In dem Roman lässt ein enigmatisches, nie näher beschriebenes Video das Gehirn jedes Zuschauers sofort implodieren. Es schrumpft auf ein winzige neuronale Einheit des grenzenloses Wohlgefallens, die sich nichts anderes mehr als eine ewige Wiederholung wünscht.

Clemens Setz, der Autor, der mich und vermutlich tausende andere mit seiner Beschreibung  anfixte, schrieb über seine Begegnung mit ASMR-Filmen in der „Süddeutschen Zeitung“:

„Während meiner Studienzeit ging ich zwischen den Lehrveranstaltungen oft in den großen Lesesaal der Uni-Bibliothek. Manchmal tat ich so, als würde ich etwas lesen, aber in Wirklichkeit saß ich einfach da und genoss die Geräuschkulisse. Das Umblättern, das leise Kratzen von Bleistiften, das vorsichtige Wühlen in einer Handtasche. Diese herrlichen Menschengeräusche versetzten mich in einen Zustand, der erst einige Jahre später einen offiziellen Namen erhalten sollte.

Es lief immer gleich ab: Auf meiner Kopfhaut begann ein angenehmes Spannungsgefühl, das dann über den Nacken langsam hinunterwanderte, verbunden mit einem Bewusstsein gesteigerter Konzentration. Ich wurde ein wenig high. Der stärkste Trigger im Lesesaal war das Räuspern von Menschen, die wussten, dass ihr Räuspern durch die Akustik des Raums amplifiziert wurde und es deshalb so sanft wie möglich machten. Für gewöhnlich blieb ich so lange sitzen, bis sich das Gehirnkribbeln ausgebrannt hatte.

Mein Privatausdruck für das Gefühl war ‚geräu’. Dieses Adjektiv hatte ich als Kind erfunden. Irgendein Wort braucht man schließlich. Ich ging ganz selbstverständlich davon aus, dass niemand sonst diese Empfindung kannte.“

Über die objektive Wirkung von ASMR existieren nur sehr wenige Forschungsarbeiten, aber eine unüberschaubare Menge an persönlichen Berichten im Netz. Was heißt in diesem Fall Wirksamkeit? Fast alle, die auf ASMR anspringen, berichten von einer Entspannung, die anders als bei einer Körpermassage ohne Umwege dort beginnt, wo ansonsten die Spannung sitzt, in bestimmten Bereichen des Gehirns. Von dort aus breitet sich eine Schläfrigkeit aus, die Muskelspannung geht zurück, es vollzieht sich innerhalb von Minuten ein Akt zwischen Hypnose, Selbsthypnose und Meditation. In ASMR-Videos gibt es keine Narration, keinen logischen Beginn und kein zwangsläufiges Ende.  Am ehesten ähnelt ihre Struktur dem Sand- oder Reiskornrieseln, mit denen sich manche Autisten beruhigen, oder dem weißgrauen Gestöber auf den Fernsehbildschirmen zu den Urzeiten, als es noch einen nächtlichen Sendeschluss gab.

 Die amerikanische Künstlerin Vija Celmins beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesem Sog der Entropie; bevorzugten Motive ihrer Zeichnungen und Druckgrafiken sind bewegte Meeresoberflächen und Sternenhimmel, Phänomene, die sich jeweils durch unendliche Variation des gleichen Grundmusters bilden. Es scheint eine anthropologische Konstante durch fast alle Zeiten und Kulturen zu sein, in den Sternenhimmel zu starren, auf die See zu schauen, um das neuronale Netz zu beruhigen. ASMR-Filme, die auf den ersten Blick singulär wirken, fügen sich mühelos in diese weitläufige Verwandtschaft ein. 

Clemens Setz steckte mich und Tausende andere nicht nur an, er stieß mich auch auf den ASMR-Videokünstler Ephemeral Rift 

, einen Meister, der mir mit seiner Flüsterstimme  (er ist ein Großmeister des deutlichen Flüsterns) und seinem streichenden Schaumstoff, dem Beklopfen einer Melone, Schritten im Schnee und dem Knistern von Plastikfolie so nah kommt wie nur wenige andere Menschen. Er kurierte bei mir nicht nur Einschlafschwierigkeiten, sondern auch die Kiefern- und Nackenschmerzen, mit denen ich früher oft aufwachte, weil die Muskeln im unruhigen Schlaf weiterarbeiteten. Manchmal mündet die Entspannung im Kopf später sogar in das, was Franz Kafka in seinem Tagebuch sein „ungeheuerliche Traumwohlgefallen“ nannte.

Viele Psychiater sehen in dem hyperarousal state – der neuronalen Dauererregung – eine zentrale Grundlage der Depression. ASMR führt im Idealfall immerhin zeitweise zu einem Zustand auf dem entgegengesetzten Ende der Skala. 

Viele von Ephemeral Rifts Filmen dauern länger als eine Stunde. Am  Stück habe ich noch keinen gesehen. Nach spätestens zwanzig Minuten schlafe ich ein.

Lebenshilfe 1 A

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Verändern Psychopharmaka die Persönlichkeit? Ich meine: ja, hoffentlich. Sonst würde ich keine nehmen. Mir ist natürlich klar, dass sich die Frage nicht ausschließlich auf die Veränderung des depressiven Zustandes richtet, der auch zur Persönlichkeit gehört, sondern auf den Punkt, ob Medikamente neben der Depression auch noch an anderen Eigenschaften herumschrauben.

Um das zu klären, empfiehlt es sich, das Subbewusstsein zu befragen, also die Träume. Für eine kleine Versuchsreihe – Intoxination nach Wunsch, dann Nachtruhe – habe ich mich anderentags aufs Sofa gelegt und eine Reihe von Träumen samt Ausgangslagen notiert. Ergebnis: Erstens, die Substanzen Alkohol, Koffein, Pillen und Nüchternheit korrelieren nicht oder nur hauchdünn mit dem Unterbewussten.

Zweitens: Seit es Laptops gibt, lässt es sich auch in horizontaler Lage einigermaßen bequem schreiben.

 

*

Träume unter Einfluss

Wein

Ein Roman von Thomas Pynchon, „The Great Years“, etwa tausend Seiten. Schon der Titel schwer unübersetzbar: „Die großen Jahre“ passt nur halb, besser „Großartige Jahre“, am ehesten „Jahre der Größe“, was wiederum keinen Rhythmus ergibt.

Es geht um Adlige, die nach rigiden und von außen kaum zu durchschauenden Familienregeln leben, obwohl sie längst nicht mehr über macht und Reichtum verfügen. Einer dieser Adligen besitzt – und das gehört auch im weiteren Sinn zur Tradition – eine Vorliebe dafür, in Wohnungen fremder Leute einzudringen, wenn sie sich auf Reisen befinden, um dort ihre Betten, ihr Geschirr und gelegentlich auch ihre Kleider zu benutzen.  Möglicherweise mussten die Bürger ihnen früher ihre Häuser zu genau diesem Zweck überlassen.
Im Traum lese ich den Roman nicht, sondern befinde mich in seinem Inneren, ohne selbst eine Figur zu sein. Ich kann mich im Text und  seinen Konstellationen frei bewegen.

*

Nüchtern

Eine Hinterhofwerkstatt, ein Voodoomeister nimmt dort die Stellung des Chefs ein. Magie dient als Arbeitsmittel. Der LKW der Firma beispielsweise, ein dreiachsiger Kastenwagen, schwebt etwa einen Meter über dem Boden exakt an seine vorbestimmte Stelle auf dem Hof.
Zwei Arbeiter machen sich unsichtbar, so dass nur noch ihre Schuhe, Latzhosen und Schiebermützen zu sehen sind. Der Chef selbst befasst sich mit einem von der ganzen Belegschaft geschätzten Zauberspiel, einer Art Scrabble. Der nächste Zug darin erfordert es, dass einem Freund von mir ein Holzpflock durch einen Finger getrieben werden muss, um seinen Körper stillzulegen. Die Prozedur geht schnell und bereitet ihm keine Schmerzen. Der Chef braucht den Freund, weil dessen Vorname mit a endet und der Name der nächsten Person im Spiel mit A beginnt. Beide, darum geht es, will der  Magier in die richtige Position legen, miteinander verbinden und dann als Einheitverschicken.

*

Johanniskraut

In einer Kirche , den Blick auf eine halbrunde düstere Nische gerichtet, sitze ich mit albern gefalteten Händen, glaube nichts, was hier für wahr gehalten wird, fühle mich aber halbwegs glücklich, in dieser Gemeinde sitzen zu dürfen.

Der liturgische Text auf dem Blatt vor mir beginnt mit einem Trishagion:

Das Biest

das Biest

das Biest.

*

Citalopram, Lamotrigin

Auf Weinranken im Innenhof eines klosterartigen Gebäudes kriechen zwei glänzende hamstergroße Käfer herauf, wobei einer
ein Schild aus Horn wie eine Planierraupe vor sich herschiebt. Wie ich weiß, handelt es sich bei den Tieren um eine seltene Delikatesse. Ich bitte einen auf dem Hof ebenfalls herumstehenden Mann, einen Koch, teils auch Wirt und Verleger, mir beide zu fangen und zuzubereiten, am besten mit Reis á la Trauttmansdorff.

Muss sehr lachen.

*

Citalopram, Lamotrigin, Tee, am Ende doch noch ein Grappa

Margot Käßmann tritt in einer Messehalle auf, es ist Kirchen- oder sonstwie ein bedeutender Tag. Ich bin in der folgenden Szene nur Beobachter. Käßmann trägt ein selbstgeschriebenes Lied zum
Banjo vor, „Mein Banjo und ich“.  Es handelt davon, dass ihr Instrument leidet, wenn sie leidet, dass es ihm gut geht, wenn es ihr gut geht, und dass es überallhin mitkommt, wohin Käßmann geht, zum Einkaufen, ins Kino und sogar in die Sauna. Wie beim Kniebeugetanz Laurentia versteht man das Konzept sofort, allerdings nudelt die Vortragende dann noch zehn Strophen herunter. Aber irgendwann ist doch Schluss. Das Publikum applaudiert. Eine Frau mit Frauenrucksack steht auf und sagt, früher sei sie, die Käßmann, aber politischer gewesen.

Käßmann antwortet, ihr Lied sei sehr wohl politisch, es schaffe die Voraussetzung für das Glück. Nämlich: „Nur ein fröhlicher Mensch ist ein glücklicher Mensch.“

Außerdem passe es hervorragend zu Pufficato, mit dieser Feier beginne das Kirchenjahr nicht umsonst.

*

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Praktische Hilfestellung  1 A

Ruminationen* bezeichnen das zuweilen zwanghafte Grübeln über Probleme und Depressionsgründe, wobei die Gedanken meist in den immer gleichen Schleifen wiederkehren. Manchmal lassen sich diese Gedankenkreise durch Mantras ersetzen. Vermeidest du dann noch die schlechten Mantras, wird alles besser.

Eine nützliche Handreichung für diese Therapie bietet folgende Liste schlechter Mantras, die hier so lange fortgesetzt werden soll, bis sie alle denkbaren Varianten in Deutsch und perspektivisch in Englisch umfasst.

*

Schlechte Mantras (1)

Ich werde Stolperweltmeister in Uppsala.

Jeden Tag ein bißchen echter. (Wolfgang Beltracci)

Schlüssel, Handy, Portmanee, das verliert man leicht im Schnee.

*

Schlechte  Mantras (2)

Mundgeruch und Lesebrille, das war nicht des Führers Wille.

Die kleine Heckler & Koch ist der Schminkkoffer unter den Maschinenpistolen.

Que Sera, Sera, Whatever Will Be Will Be.

Jetzt neu: Die unentbehrliche Hilfe für Medienkonsumenten

 

Plantagen des Blöden

Kleines Wörterbuch der Definitionen und Phrasen

Wie lautet das eigentliche Motto der Antifa? Warum ist „Israelkritiker“ ein anerkannter Beruf, für den das Hornbach-Motto gilt: es gibt immer etwas zu tun? Was bedeutet es, wenn Politiker und Kommentatoren feststellen, für irgendetwas gäbe es in Deutschland kein Platz („Für die Klimaerwärmung ist in Baden-Württemberg kein Platz“)?

Wer das Gefühl hat, die Phrasen der öffentlichen Kommunikation in Deutschland nicht mehr ertragen zu können, in der sich unentwegt Scheren öffnen, Kultursensibilität gefordert, breite Bündnisse gelobt und Zeichen gesetzt werden, für den ist das kleine Wörterbuch „Plantagen des Blöden“ eine Machete, um sich eine Schneise durch die erstickenden Wucherungen des Dummdeutschs zu schlagen.

Erscheinungsdatum:

1. Auflage: 01.02. 2016

Versionen:

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