Journalist & Autor

Ein Jahr „Grüner Blackout“

Ein Jahr „Grüner Blackout“

Als der „Grüne Blackout“ vor einem Jahr erscheinen sollte – zunächst nur als E-Book – winkte ein größerer Verlag ab, dem ich das Manuskript angeboten hatte. „Niedrige dreistellige Verkäufe“ würden da herauskommen, meinte der Chef. Wenn überhaupt.

Ich wollte nicht noch andere Verleger und Lektoren abklappern, sondern entschied mich, einen eigenen Kleinstverlag dafür zu gründen. Das hieß: Keine Marktmacht, ein Werbebudget von fast Null.

In den letzten 12 Monaten verkauften sich das E-Book und die folgende Taschenbuchausgabe über 4000 Mal. Die real existierende Energiewende selbst besorgte die beste Werbung für das Buch: Die Pleite von Prokon und zig anderen grünen Glücksritterfirmen, das Eingeständnis Sigmar Gabriels, die Energiewende stünde kurz vor dem Scheitern, der Kahlschlag in Wäldern, um noch mehr ineffiziente Windmühlen in die Landschaft zu pfropfen. Ein wenig widerstrebt es mir natürlich, mittelbar an einem Desaster zu verdienen. Aber den organisierten Wahn kann ich als einzelner nicht ändern. Aber Zusammenhänge erklären und die Scheinlogik von Grünenergiebegeisterten demontieren – das geht auf 170 Seiten durchaus.

Deshalb: Danke an alle Leser des „Grünen Blackout“. Vielen Dank auch an die kompetente Firma booklift, die mir und anderen hilft, Bücher im Netz bekannt zu machen! Danke für die vielen Mails mit Hinweisen und Anregungen. Und frohe Ostern!

 

Der Grüne Blackout in Dresden

Wer eine kritische Diskussion zur Energiewende erleben will, ist am 16. April in der Dresdner Wilhelm-Külz-Stiftung richtig: Dort stelle ich mein Buch „Der grüne Blackout“ vor. Anschließend folgt eine Debatte über die jüngsten Wendungen der Energiepolitik: Von Windrädern im Wald über Energietrassen ohne Plan bis zu dem neuen Versuch der Bundesregierung, Braunkohle aus dem Markt zu drängen.
(Hier das PDF der Veranstaltungsankündigung).

 

Windiges Geld

Ein einigermaßen realistisches Energiewendestück im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kommt spät, aber es kommt: Am 23. März um 22 Uhr sendet der NDR unter dem Titel “Windiges Geld” eine 45-Minuten-Reportage über das Treiben der Windkraftlobby. Als der SWR vor einiger Zeit etwas ähnliches wagte, beschwerten sich die Grünen im Südwesten umgehend beim Intendanten und drohten “rechtliche Konsequenzen” an – ein Verhalten, das man ansonsten nur von Carsten Maschmeyer und Gregor Gysi kennt.
 

„Jeder ist ein Reaktionär, wenn es um Dinge geht, mit denen er sich auskennt.“

– Robert Conquest

 

 

Die Energiewende schreitet kraftvoll voran

Die Energiewende schreitet kraftvoll voran

Früher gestaltete sich die Rechnung für Stadtwerke einfach: Das Elektrizitätswerk verdiente Geld, die öffentlichen Verkehrsmittel fuhren einen Verlust ein, und das kommunale Unternehmen stopfte mit dem Gewinn des einen Geschäftsfeldes die Löcher des anderen. Heute stellt sich die Lage etwas anders dar: Bus und Bahn erwirtschaften noch immer ein Defizit. Das E-Werk neuerdings auch – weil sich wegen der Energiewende alles, alles ändern muss.

Der Chef der Münchner Stadtwerke Florian Bieberbach bereitete Stadtverordnete und Öffentlichkeit vor ein paar Tagen schon einmal auf schlechte Zeiten vor. „Es ist nicht so, dass wir insolvenzgefährdet sind“, so Bieberbach im Münchner Merkur, „aber wir stehen vor einer längerfristigen Verschuldung, mit der wir uns nicht wohlfühlen.“ Derzeit liege die Verschuldung des Unternehmens bei zwei Milliarden Euro. Deshalb, so Bieberbachs Vorschlag, solle Münchens Stadtkasse für eine Zeit auf eine Gewinnabführung der Stadtwerke in Höhe von 100 Millionen Euro jährlich verzichten. Denn das Unternehmen brauche dringend Geld, wie die „Süddeutsche Zeitung“ am 5. März 2015 schreibt, „für Milliardeninvestitionen in erneuerbare Energien“, vor allem in Offshore-Windfelder hoch im Norden.

 Bisher hatten die Stadtwerke eher Kleckerbeträge in Ökoenergien gesteckt, beispielsweise 64 Millionen Euro in das spanische Solarthermiekraftwerk Andrasol. Weil die spanische Regierung die Privilegien für Solarstrom dann kappte, mussten die Münchner 2014 die gesamte Investitionssumme abschreiben. Mit klassischer Stromproduktion verdienen kommunalen E-Werke auch kaum noch etwas, weil das erratisch schwankende Überangebot an Grünstrom den Börsenpreis in den Keller drückt.

Da fällt es naturgemäß schwer, das Kapital überhaupt aufzubringen, das in neue Windräder fließen soll. Aber andere Stadtwerke zeigen, dass der Kraftakt sehr wohl zu meistern ist: Sie pumpen ihr Geld beziehungsweise das der Bürger trotz schwierigster Marktlage in Windkraft, weil die Anteilseigner – die Parteienmehrheit in der Ratsversammlung – dies so wünschen. In Erlangen führte das zur Totalabschreibung der Investition, weil die Winderträge weit unter den Erwartungen blieben. Über die Investition der Stadtwerke Mainz sagte Vorstandschef Detlev Höhne der FAZ:

„Die Anlagen – die … 2005 bis 2010 in Betrieb gegangen sind – bringen kein Ergebnis, bis zum heutigen Tage nicht.“ Schlimmer noch: Es gebe sogar leichte Verluste. Dies gehe allen Anlagen in Rheinland-Pfalz so: „Ich sehe keine einzige, die im Geld ist.“

Selbstverständlich wollen die politischen Mehrheiten an der Energiewende nicht rütteln. Sie sprechen von schlechten Windjahren, ungünstigen Rahmenbedingungen und davon, dass am weiteren Ausbau der Grünenergie nichts vorbeiführt. Wenn es irgendwann nichts mehr hilft, dass Stadtwerke wie München dafür ihre Überweisungen an die kommunale Kasse zusammenstreichen, könnten sie zu Spendenaktionen übergehen: Gerade in der bayerischen Hauptstadt besitzen die Bürger daheim noch das eine oder andere an Gold, das sie garantiert gern für Offshorewind-Plattformen aus Eisen geben.

Was Sie schon immer über Juden und Windräder wissen wollten

Zu den beliebtesten Erzählungen über Juden gehört der Glaube an ihren Einfluss: nicht öffentlich, versteht sich, sondern klandestin ziehen sie Strippen in der Hochfinanz, den Medien und dem ganzen Rest dazwischen. „Juden haben zu viel Macht“ gehört zu den immergrünen Hits des Antisemitismus.

Vor kurzem stellte die Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung(IKG)der Universität Bielefeld fest, wie unverwüstlich in Deutschland das Narrativ vom Juden funktioniert,der überall dahintersteckt: “23 Prozent – also fast ein Viertel – der älteren Deutschen ab 60 Jahren, meint, ‚Juden haben zu viel Einfluss in Deutschland. Bei den Jüngeren bis 30 Jahren ist die Zahl mit knapp zehn Prozent zwar deutlich geringer. ‚Sie bleibt aber seit Jahren beinahe auf einem ähnlichen Stand. Wir scheinen uns damit abgefunden zu haben’, erklärt Beate Küpper vom IKG.“

Juden haben zu viel Einfluss – das ist freilich eine grobgestrickte Formulierung, die der „Süddeutschen“ so nie unterlaufen würde. Am 3. Februar schrieb das Münchner Blatt anlässlich des Netanjahu-Besuchs in den USA über die Aipac, das „American Israel Public Affairs Comittee“, in dem sich seit 1953 amerikanische Israel-Unterstützer organisieren: „Aipac gilt als eine der einflussreichsten Lobbygruppen in Washington, die Organisation vertritt zwar keine große Wählergruppe, verfügt aber über ein großes Spendernetzwerk, das etlichen Politikern im Wahlkampf helfen soll. Kritiker werfen Aipac vor, einen unverhältnismäßigen Einfluss auf Washington auszuüben, gemessen am geringen jüdischen Bevölkerungsanteil in den USA.“

Daraus geht nach Ansicht des Münchner Volksaufklärungsorgans zweierlei hervor: Juden haben – siehe oben –  zu viel Einfluss. Und die Unterstützung Israels kann bestenfalls eine exklusiv jüdische Angelegenheit sein, die sich kein anderer freiwillig ans Bein binden sollte oder dürfte.

Was zu der Frage führt: wie groß darf der legitime Einfluss einer Gruppe auf die Politik eigentlich ausfallen? Der jüdische Bevölkerungsanteil in den USA beträgt ungefähr zwei Prozent. Der Vergleich zu einem ganz anderen Milieu in Deutschland ist deshalb nicht ohne Reiz: In der Solarindustrie zwischen Garmisch und Flensburg arbeiten etwa noch 5000 Beschäftigte. Im harten Kern der grünen Industrie, also in der Produktion von Energieerzeugungsanlagen, verdienen schätzungsweise 60 000 Menschen ihr Geld. Das Bundesumweltministerium, das auch noch jeden Solarpanelinstallateur und Dämmplattenschrauber und auch so exotische Grünjobber wie Windberater und Klimabeauftragte zu den Werktätigen der Energiewende zählt, meldete 2011 mit 382 000 Beschäftigten einen Höchststand. Seitdem geht deren Zahl kontinuierlich nach unten.

Wer großzügig noch alle Windparkeigentümer, verpachtenden Landwirte und Solarworld-Aktienbesitzer dazuzählt und aufrundet, der kommt auf einen Personenkreis von grob 800 000 Deutschen, die von der Energiewende profitieren oder zumindest auf Geldvermehrung hoffen. Das wären ein Prozent der Bevölkerung. Deren Lobby gelingt es immerhin, ein System am Laufen zu halten, dass ihr für unverlangt produzierten Ökostrom jährlich über 23 Milliarden Euro überweist, obwohl die Energie an der Börse nur ein Bruchteil wert ist, sie schafft es, hunderttausende Mieter durch eine unsinnige Dämmung abzukassieren, die gesamte Energiebranche eines Industrielandes nach ihrem Gusto umzubauen und sich Wohlfühlgesetze à la carte schreiben zu lassen. Die Zeit, die der Lobby neben dieser Titanenarbeit noch bleibt, vertreibt sie sich mit Klagen darüber, wie wenig man auf sie hört.

Besäße die Aipac nur halb so viel Einfluss wie die grünen Druckmacher in Deutschland, dann sähe die amerikanische Israel-Politik mit Sicherheit anders aus.

Die Sieger stehen fest: Mein Grüner Pinocchio 2014

Viele Journalisten durften sich Hoffnung machen, es herrschte harte Konkurrenz. Jetzt stehen die Besten nach mühevoller Arbeit der Jury fest: Ich präsentiere die Gewinner des „Grünen Pinocchio 2014“. Eigentlich klangen meine Wettbewerbsbedingungen nach einer lösbaren Aufgabe: „Prämiert werden Artikel“, hieß es in der Ausschreibung, „in denen Sachverhalte der Energieerzeugung absichtsvoll verdreht und mit Grünsprech verbunden werden, um ein möglichst verzerrtes Propagandabild zu erzeugen.“ Wo, so mögen sich viele gesagt haben,  liegt da die Herausforderung?  Aber sehen Sie selbst, auf welch hohem Niveau sich die Finalisten des Jahrgangs 2014 bewegten.

Zu einem dritten Preis reicht es für die „Zeit“,  die am 31. Januar 2014 kurz nach dem vorläufigen Insolvenzantrag der Itzehoer Windenergiefirma Prokon schrieb: „Die fasche Pleite“.
Von den damals schon bekannten Umständen, dass Wirtschaftsprüfer der Firma 2013 ein Testat der Bilanz verweigerten, Prokon schon über 170 Millionen Euro Verlust schrieb und Verbraucherschützer seit Jahren warnten, das Geschäftsmodell des Gurus Carsten Rodbertus könne gar nicht aufgehen, lässt sich der „Zeit“-Autor nicht beirren. Er schreibt:

„Eine Pleitefirma, die vielleicht gar nicht pleite ist, das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit im Fall Prokon. Eine andere: Ein Unternehmen, das die Energiewende mitgestaltet, wird als Betrügerfirma denunziert. Zehntausende Anleger, die es für klug hielten, in Sachwerte zu investieren, die sie sich nach kurzer Autofahrt ansehen können, müssen sich jetzt nachsagen lassen, dumm, gierig oder beides zu sein…Was ist passiert? Prokon hat sogenannte Genussrechte ausgegeben, um Kapital zu beschaffen. Dabei handelt es sich um ein Zwischending von unternehmerischer Beteiligung und Festzinspapier, für das es keine besonderen gesetzlichen Regeln gibt. Der Verkaufsprospekt von Prokon ist vorbildlich und gut verständlich.“

Das meint die Jury: Zu loben ist die Konsequenz, mit der die „Zeit“ teilweise wortwörtlich Argumente des Prokon-Gründers übernimmt und auf Zahlen und Fakten weitgehend verzichtet, um die Geschichte des denunzierten Ökopioniers zu erzählen. Allerdings: leider kam der Beitrag etwas spät.  Vor dem Insolvenzantrag hätte er noch etliche Leser zum Kauf eines Anteilsscheins animieren können. Schade. Alles in allem: Bronze.

„Spiegel Online“ wagt da etwas mehr, nämlich den zielgerichteten schöpferischen Umgang mit Zahlen. Am 1. Oktober 2014 meldet die Plattform den Siegeszug der grünen Energien in Deutschland:

„Energiemix: Erneuerbare sind Deutschlands wichtigste Stromquelle“.
Im Text erfährt der Leser dann, dass alle Grünenergiequellen zusammen 27,7 des deutschen Stromverbrauchs abdecken. Nun könnte man einwenden, dass die nichtgrünen Energien mit 72,3 Prozent immer noch die etwas größere Quelle darstellen. Aber auch die größte Einzelquelle bleibt mit weitem Abstand Kohle (44,8 Prozent). Erst dadurch, dass SpOn ohne sachlichen Anlass Kohlestrom in Braun- und Steinkohle auseinanderrechnet und auf der anderen Seite alle Grünstromarten von Wind über Sonne und Biogas bis zum Wasserkraftwerk zusammenzählt, geht das agitatorische Wunderwerk auf.

Das meint die Jury: Im Ansatz durchaus elegant, allerdings nicht für Leser geeignet, die selbst rechnen. Deshalb Silber.

Wie es wirklich geht, zeigt der „Stern“ vom 28. Mai 2014 in seiner Titelgeschichte: „100 Gründe, Deutschland zu lieben“. Grund 68 lautet:

„Weil wir die Energiewende durchziehen. Inzwischen stammt mehr als jede vierte Kilowattstunde Strom aus sauberen, erneuerbaren Quellen. Spätestens 2050 werden es 100 Prozent sein, jede Wette…Wir sollten weiter Tempo machen. Der Ölpreis steigt unaufhörlich weiter in die Höhe…In einigen Jahren werden auch die Letzten einsehen, dass die Umstellung auf grüne Energie unterm Strich ein Schnäppchen war. Zurzeit zahlen wir Deutsche jedes Jahr fast 100 Milliarden Euro vor allem an arabische Ölscheichs und russische Gasbarone… All das können wir uns sparen, Sonne und Wind liefern kostenlos. Was ist dagegen die eine Billion Euro, die Ex-Umweltminister Peter Altmaier schlimmstenfalls für die Energiewende veranschlagt?“

Nun wird Deutschland, jede Wette, auch 2050 oder 2080 nicht zu 100 Prozent von grüner Energie leben, sofern es nicht gelingt, Hochnebel, Windstille und die Nacht abzuschaffen, alles Faktoren, die das Ökostromaufkommen immer wieder auf weniger als fünf Prozent der installierten Leistung drücken und heute wie in Zukunft einen kompletten konventionellen Kraftwerkspark nötig machen. Der Ölpreis lag 2013 zeitweise um die 120 Dollar pro Barrel, als der „Stern“ in den Druck ging, kratzte er noch um die 110 Dollar, dann fiel er unaufhörlich weiter bis auf derzeit gut 60 Dollar.

Öl und Gas für knapp 100 Milliarden wandeln die Einkäufer in Deutschland ganz überwiegend in Mobilität und Wärme um (Gas zu 90 Prozent), zur Stromproduktion tragen sie folglich kaum etwas bei. Nur 20 Prozent des Energieverbrauchs entfällt auf den Strom; die 27 Prozent Ökostrom davon kosten wiederum gut 23 Milliarden Euro pro Jahr. Ein Schnäppchen! Kratzbürstige „Stern“-Leser fragen sich möglicherweise nur, wer eigentlich die Billion kassiert, wo doch Sonne und Wind kostenlos liefern.

Das meint die Jury: Der ganzheitliche Ansatz überzeugt, nicht an einzelnen Zahlen herumzuschrauben, sondern eine ganz eigene modellierte Realität zu erschaffen. Das sollte den neuen Standard der Energiewendeberichterstattung setzen. Also: Gold. Und Tusch!

Als Preise winken den Selbstabholern, in der Reihenfolge von drei bis eins, eine Jürgen-Trittin-Gedächtnis-Eiskugel im Wert von 25 Euro, ein handgezeichneter Prokon-Genussschein und ein signiertes Exemplar des Buches „Der grünen Blackout. Warum die Energiewende nicht funktionieren kann“.

Kein grüner Pinocchio-Sieger? Macht nichts. Das Sachbuch „Der grüne Blackout. Warum die Energiewende nicht funktioniert“ kann man auch kaufen: bei Amazon als E-Book für 3,99 Euro und als Paperback für 9,99 Euro

Schach ohne Würfel – Wenn Politiker über die Energiewende reden

Schach ohne Würfel – Wenn Politiker über die Energiewende reden

In immer mehr Schulen gilt die so genannte Kompetenzorientierung als ultimative Pädagogik. Das bedeutet: Schüler sollen kein altmodisches Wissen mehr erwerben, sondern Kompetenzen. Sie müssen nicht mehr wirklich eine Verhältnisgleichung lösen oder einen halbwegs fehlerfreien Aufsatz schreiben können. Eine kompetent wirkende Powerpoint-Präsentation tut es auch. Fakten, falls benötigt, kann jeder googlen. Der Darmstädter Pädagogikprofessor Peter Euler erfand dafür den schönen Begriff „Fassadenkompetenz“. Mit ihrer profunden Kompetenz-statt-Wissen-Ausbildung gehören die Schüler allerdings nicht zur Avantgarde. Eher zu gesellschaftliche Mainstream. Am besten zeigt sich in der Energiewendediskussion der Politiker, wie sehr Fachkenntnisse überschätzt werden. Im Streit um die künftigen Stromtrassen, der zurzeit zwischen dem Bund, Bayern, Hessen und Thüringen tobt, meldete sich der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linkspartei:

“Zunächst muss geklärt werden“, meinte Ramelow, „wer wie viel Strom in seinem Bundesland produzieren wird. Daraus leitet sich dann ab, welche neuen Stromtrassen tatsächlich notwendig sind und welche bestehenden Trassen nachgerüstet werden können.”

Möglicherweise glaubt der Regierungschef tatsächlich, dass sich daraus etwas ableitet. Aber es lässt sich erstens schon kaum sagen, welches Land wie viel Strom produzieren wird, da der Anteil der Grünenergie stetig wächst – und deren reale Energieerzeugung deutschlandweit zwischen 100 Prozent Bedarfsdeckung bei viel Wind und Sonne und weniger als fünf Prozent bei trübem Himmel und Flaute schwankt. Möglicherweise meint Ramelow die installierte Leistung in den einzelnen Bundesländern, also die technische Erzeugungskapazität. Aber auch die hilft bei der Rechnung nicht viel weiter. Denn ganz gleich ob reale Produktion oder Kapazität – es kommt erstens auch darauf an, wie viel Strom eine Region selbst verbraucht. Schleswig-Holstein etwa will am Ende seiner Windrad-Ausbaupläne das Sechsfache des eigenen Strombedarfs produzieren. Es braucht also dringend Leitungen, um den an vielen Tagen anfallenden Überschuss abzutransportieren. Zweitens spielt es eine Rolle, ob ein Land überwiegend Flatterstrom aus Wind und Sonne erzeugt oder Grundlaststrom aus Kohle und Gas. Wer vor allem auf Wind und Solarkraft setzt, braucht nicht nur Stromtrassen, die ihm dann umgekehrt Strom liefern, wenn das Wetter gerade die Energiegewinnung sabotiert, er benötigt auch die Sicherheit, dass irgendwo anders noch ausreichend konventionelle Kraftwerke bereitstehen, die einspringen können. Und drittens sollen die Stromtrassen nicht die Probleme der Gegenwart lösen, sondern die ab 2022, wenn das letzte Atomkraftwerk vom Netz geht. Es hängt also alles mit allem zusammen, was die Rechnung mit mehreren Unbekannten etwas schwierig macht. Wer installierte Kapazität mit Erzeugung und Zufallsstrom mit Grundlast verwechselt beziehungsweise die Unterschiede souverän ignoriert, könnte auch Dartpfeile auf eine Deutschlandkarte werfen und die Treffer verbinden – fertig wäre das Stromnetz.

Trösten kann sich Ramelow damit, dass er nicht als einzige Politiker die „Kompetenzenkompetenz“ (E. Stoiber) pflegt, also die Fähigkeit, einen Anschein zu erwecken. Bis heute gehört Cem Özdemirs TV-Auftritt von 2011 zu den Hits bei Youtube. (Hier geht’s zum Video). Damals redete der Grüne über die Stromproduktion in Deutschland, indem er mit hochkompetentem Gesichtsausdruck von erzeugten „Gigabyte“ redete. Die installierte Leistung hielt er für „Produktion“, ferner verblüffte er mit dem Rechenbeispiel, Deutschland verbrauche in Spitzenzeiten „80 Gigabyte“, erzeuge aber „140 Gigabyte“, um zu folgern: „Das Anderthalbfache haben wir also übrig von dem, was wir brauchen.“  Der Vortrag erinnert an den von Jan Böhmermann für Lukas Podolski getexteten Satz: „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.“

Özdemirs grüne Kollegin Katrin Göring-Eckardt wiederum erfand im Wahlkampf 2013 Pommesbuden, die von der EEG-Umlage befreit wären – was einen Jahresverbrauch der Kartoffelbräterei von 1000 Megawattstunden voraussetzen würde.  (Siehe: http://zdfcheck.zdf.de/faktencheck/eeg-umlage/)

Leider gibt es einen Unterschiede zwischen Politikern und kompetenztrainierten Schülern: die können notfalls tatsächlich die Winkelsumme im Dreieck googlen. Den Energiewendepolitikern geht es eher wie Piloten,die darüber rätseln, wie man die Kiste wieder herunterbekommt, während die Spritanzeige schon im roten Bereich steht. Die Verantwortlichen in Bundestags und Staatskanzleien simulieren zwar auch eine Lagebeherrschung, genau so wie der Sechstklässler beim Powerpointen. Aber sie sitzen an echten Steuerknüppeln.

Die Achse und die Guten

Die Achse und die Guten

In eigener Sache: Seit mehreren Jahren schreibe ich für eines der meistbesuchten deutschen Autorenblogs. Journalisten etablierter Medien halten diese Plattform für schlimm. Denn sie wollen nur das Beste für uns.

Normalerweise kommt die „Achse des Guten“ in etablierten Medien kaum vor. Darüber kann ein Achse-Autor nicht klagen:  Es versteht sich von selbst, dass Print-Vertreter nicht noch Aufmerksamkeit organisieren wollen, wenn ein Autorenblog steigende Leserzahlen und sogar zahlende Abonnenten verbucht, während das eigene Geschäftsmodell beschleunigt schmilzt. Außerdem kommen die Qualitätsmedien der Republik von der „Süddeutschen Zeitung“ bis zur „Zeit“ mit ihren schönsten Stellen oft genug in Achse-Texten vor. Seit kurzem genießt die Achse allerdings ein Allzeithoch an Aufmerksamkeit, zuletzt in der „Zeit“. Das Hamburger Blatt schreibt am 29. Januar 2015: „Ohne mich. Der Publizist Michael Miersch hat das Blog ‚Achse des Guten’ verlassen, weil es ihm zu feindselig wurde“.

Um es gleich zu sagen: Ich bedaure den Abschied Michael Mierschs als Autor außerordentlich, und freue mich darüber, dass er der Achse neben Henryk Broder und Dirk Maxeiner als Miteigentümer erhalten bleibt. Die Gründe für seinen Teilabgang im Zorn sind mir auch alles andere als gleichgültig. Aber nun zur „Zeit“, die erst einmal die passende Fallhöhe schafft, um über die feindselige Achse berichten zu können.

„Bühne frei für eine liberale Gegenöffentlichkeit, pro Israel, pro Amerika, pro Kapitalismus, gegen die Untergangsbeschwörungen der Umweltbewegung – das war der Gründungsimpuls für das politischer Blog Achse des Guten“,

schreibt Autorin Miriam Lau. Um dann den moralischen Niedergang der Autorenplattform seit 2004 zu vermessen:

„Aus der Flaschenpost von damals ist eines der meistbesuchten politischen Blogs Deutschlands geworden. Aber ausgerechnet jetzt, da die Achse des Guten monatlich eine Million Besucher verzeichnet, verabschiedet sich einer der Gründer: Michael Miersch, 58, ist entsetzt über die Richtung, die das Blog zuletzt genommen hat.“

Es folgen Zitate aus Michael Mierschs Text  „Na dann ohne mich“, den er, wie die „Zeit“ etwas irreführend schreibt, „auf Facebook“ veröffentlicht habe.

Schließlich folgt Laus Gesamturteil über das Blog:

„Mit seinem Hohn über ‚linke Schlampen’, über Schwule, das längst islamisierte Deutschland und das „parasitäre Pack“ von Gutmenschen ist Broder und seinem Mitstreiter Maxeiner nun ein Beifall sicher, den sie mit dem ursprünglichen Kreis freiheitsliebender Heimatloser nie erreicht hätten.“

Interessanterweise handelt es sich bei dem Zeit-Text um ein ziemlich originalgetreues Remake eines Textes, der schon 2012 auf zeit.de erschien,  in einer Phase also, in der sich Michael Miersch noch als höchstaktiver Schreiber an Bord der Achse befand. Autor  damals: Jörg Lau. Auch er beginnt mit dem taktischen Lob, um das Maß der Verkommenheit dann um so eindrucksvoller  vorzuführen: 

“Achse des Guten” war einmal ein radikal liberales Blog, stolz darauf, sich keine Denkverbote auferlegen zu lassen und den mittigen Mainstream herauszufordern.“

Dann folgt ein Zusammenschnitt aus einem Text Henryk Broders, der sich über Tsafir Cohen lustig macht, einen ehemaligen Autor eines Schwulen-Guides für Berlin, der später für die politisch einäugige Organisation Medico in Ramallah arbeitete und dort offenbar großzügig über die Gewalttätigkeit der Fatah hinwegsah, die er offenbar als Nebenwiderspruch beim Kampf gegen Israel betrachtete. Lau klempnert einige Halbsätze Broders zu einem Metatext zusammen:

„Abstoßend ist Broders Wortwahl, wo es darum geht, Tsafrir Cohen zu disqualifizieren. Er läßt sich lange und eingehend über Tsafrirs Homosexualität aus. Man wird darüber informiert, dass Tsafrir vor langer Zeit einen Schwulen-Guide für Berlin geschrieben hat, bevor er vor einigen Jahren das Medico-Büro in Ramallah übernahm.“ Und schließlich heißt es über die NGOs in den palästinensischen Gebieten: “So lange dieses parasitäre Pack nicht von seinem ‘Recht auf Rückkehr’ Gebrauch macht, wird es keinen Frieden in Palästina geben.” Der Gegner ist schwul und “parasitäres Pack” – das ist eine rechtsextreme Rhetorik, die der Broder, den ich einmal kannte, einfach nur widerlich gefunden hätte.“ (Hier der Text auf Zeit.de)

Es handelt sich also um die gleiche Textcollage, die auch Miriam Lau im Januar 2015 benutzt, um die Achse als illiberales, schwulen- und sonstwiefeindliches Sammelbecken zu charakterisieren.

Jeder Leser des kompletten Broder-Textes merkt übrigens, dass der Autor den NGO-Aktivisten Tsafir Cohen nicht wegen dessen Sexualität angreift, zu der auch gar nichts weiter ausgeführt wird, sondern wegen dessen opportunistischer Haltung

Die Darstellung der antiisraelisch gebürsteten und mit reichlich Steuergeld ausgestatteten NGOs in der Westbank und dem Gazastreifen als parasitär deckt sich übrigens ganz gut mit einem Text, den der amerikanisch-israelische Tuvia Tenenbom kürzlich im Zeitmagazin veröffentlicht hatte. Seinen Knalltüteneffekt erreichte Lau seinerzeit nur dadurch, dass er die Begriffe „schwul“  – den Broder in dem Beitrag übrigens gar nicht verwendet hatte – und „parasitäres Pack“ in einem Satz kompiliert und findet, damit habe er über ein Blog mit dutzenden Autoren und tausenden Texten alles nötige gesagt.

Aber der Ziehbrunnen, aus dem Lau 2.0 im Januar 2015 ihre vergangene und schon etwas streng riechende Meinungen schöpft, reicht tiefer, wenigstens in das „Zeit“-Jahr 2010. Damals griff  Feuilletonchef Jens Jessen selbst in die Tasten, und befand folgendes:

„Vielleicht empfiehlt es sich, die Internetseite »Achse des Guten«, die besonders großzügig mit … Unterstellungen arbeitet, aus der Debatte herauszuhalten. Sie hat sich eher als Achse des Bösen gezeigt. Sie ist nicht an Aufklärung interessiert, sondern will den Westen in eine dem Islamismus analoge Hassposition emporpeitschen.“ (Link zum Text).

Mit analogen Hasspositionen kennt sich Jessen übrigens aus:  2008 erklärte er in einem Videoblog, ein Leninbild im Hintergrund, wie ein „deutscher Spießer“ in einer Münchner U-Bahn „den Anlass“ für einen „Zusammenstoß“ gegeben habe, in dem er zwei jeweils aus der Türkei und aus Griechenland stammenden Jugendliche bat, die Zigaretten auszumachen. Diese „dummen Anquatschungen“ (Jessen), diese emporgepeitschten Hassposition quittierten die beiden Jugendlichen damals mit mehreren Tritten gegen den Kopf des Rentners („Zusammenstoß“), der damals bleibende Schäden davontrug, aber knapp überlebte. Hier lässt sich Jessens Referat samt Uljanow-Ikone noch einmal anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=lXhLAdPFROs

Immerhin spart sich Jessen den pseudopädagogischen Twist, die bessere Vergangenheit des verhassten Mediums taktisch zu loben. Wir fassen also zusammen:  Schon 2010, als die Achse noch jung war und Michael Miersch sie als Schreiber entscheidend mitprägte, war sie die Achse des Bösen, vertrat Hasspositionen, die dem Massenmord der Islamisten nicht nur ungefähr, sondern so analog entsprachen wie die deutsche Rentnerspießigkeit einem Komatritt; 2012 arbeitete sich das Autorenblog als Sammelbecken rechtsextremer Rhetorik weiter in die Tiefe, und Ende 2014, als Michael Miersch sich als Autor zurückzog, wurde es dann richtig schlimm.

Ich wäre der letzte, der behaupten würde, die Achse sei ein perfektes Medium. Aber unter allen Medien ist sie immer noch dasjenige, das ungefähr so bunt ist, wie sich die weißen, mittelschichtigen konformen deutschen Redaktionen Deutschland unentwegt wünschen. Wahrscheinlich gibt es in keinem Autorennetzwerk so viele Schreiber mit einer anderen als einer bundesdeutschen Normalbiografie, so viele unberechenbare Textproduzenten und so wenige Autoren, die sich dafür interessieren, was in Berliner Hintergrundrunden geredet wird.  Und vermutlich herrscht unter den Achse-Autoren ein Politikwissenschaftler-  und Gschaftlhubermangel, den keine Redaktion je bei sich dulden würde. Deshalb muss Achgut auch aus der Debatte herausgehalten und nur alle paar Jahre kurzzeitig eingeführt werden, um nachzuweisen, dass die Lage dieses Blogs schon immer schlimm war. Allerdings noch nie so schlimm wie jetzt.

Jetzt als Taschenbuch!

2. erweiterte Auflage

amazon_germany_logo

ebook Bundle

Sie erhalten das Buch direkt vom Autor in 3 verschiedenen Formaten:
1) Als .pdf, ideal zum Lesen am Rechner.
2) Als .epub, ideal zum Lesen auf diversen
eReadern wie z.B. iBooks, Adobe Digital Editions.
3) Als .mobi, ideal für Kindle Reader.

€3.99 – eBook kaufen enthält 19% Mwst.

Kindle Ausgabe:

amazon_germany_logo

Newsletter