Journalist & Autor
Jetzt aber ganz genau hinschauen

Jetzt aber ganz genau hinschauen

 Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom des Sigmar G.

Zwischen Würzburg, München und Ansbach ging in all dem Gerede kommentierender Politiker ein Punkt fast unter,  zu Unrecht, denn sie entfaltet, anders als das meiste Meinen und Spekulieren, tatsächlich eine toxische Wirkung. Unmittelbar nach dem Amoklauf von Ali David Sonboly am 22. Juli fühlte sich der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel verpflichtet, etwas zu fordern. Zu dem Zeitpunkt gab es noch wenig gesicherte Erkenntnisse über den Amokläufer und viel Spekulation. Eins dieser Gerüchte lautete, Sonboly sei depressiv gewesen. Der SPD-Vorsitzende sagte darauf hin, offenbar unter dem inneren Zwang, irgendetwas sagen zu sollen: Staat und Gesellschaft müssten bei psychisch instabilen Menschen „hinsehen und intervenieren – gerade bei Jugendlichen“. Viele Medien verbreiteten außerdem flugs, Sonboly sei depressiv gewesen. Nun gibt es in Deutschland etwa 4,9 Millionen depressive Menschen; zählt man diejenigen dazu, die unter diversen anderen klinischen Störungen leiden, kommt man leicht auf sechs bis acht Millionen. Nach Angaben der Bundestherapeutenkammer sind psychische Leiden nach Erkrankungen des Muskel-  und Skelettapparats und der Atemwege in Deutschland der dritthäufigste Grund für Krankschreibungen. Das Feld, auf dem „Staat und Gesellschaft“ – vertreten durch wen auch immer – nach Gabriels Vorstellung Patrouille  laufen sollen, ist also ein weites.

Nun hatte sich allerdings nach dem Amoklauf ergeben – und es erweist sich immer als nützlich, Details abzuwarten – dass Ali David S. an einer psychosomatischen Krankheit laborierte, und sich nur zur Abklärung der Diagnose kurz auch in einer psychiatrischen Klinik aufhielt. Weder war er im klinischen Sinn allgemein psychisch krank, noch litt er, wie gleich dutzende Medien spekulierten, konkret an einer Depression. Die Deutsche Stiftung Depressionshilfe wies schon darauf hin, dass Depressive eher weniger zur Fremdgefährdung neigen als der Bevölkerungsdurchschnitt, und dass von psychisch Kranken insgesamt nicht mehr Gefahren ausgehen als von Gesunden. 

Außerdem empfiehlt es sich, über einzelne Personen erst dann etwas zu sagen, wenn man mehr als den Inhalt einer dpa-Meldung kennt.

Gabriels Beitrag hätte sich vermutlich gleich wieder versendet, wenn nicht Innenminister Thomas de Maiziere in sein Maßnahmenpaket gegen Terror auch das Vorhaben gepackt hätte, die ärztliche Schweigepflicht so weit zu lockern, dass ein Arzt bei den Behörden Alarm schlagen kann, wenn sein Patient beispielsweise einen Amoklauf ankündigt. Nun ereignen sich Amokläufe oder andere erweiterte Selbstmorde wie der des Germanwings-Piloten Andreas Lubitz extrem selten; und noch seltener dürfte es geschehen, dass jemand seinen behandelnden Arzt über seine Pläne in Kenntnis setzt. Aber schon jetzt haben Ärzte zusammen mit der Justiz die Möglichkeit, bei so genannter Eigen- und Fremdgefährdung Patienten gegen deren Willen in einer psychiatrischen Einrichtung unterzubringen. Auch das geschieht extrem selten.

Gabriel seinerseits meint es vermutlich nicht einmal schlecht; er schwatzt, was ihm gerade durch den Kopf rauscht, weil Politiker gerade nach Ereignissen wie dem Amoklauf von München keine Stille ertragen, sondern sofort reden müssen. Und auch, weil der SPD-Vorsitzende sich seit jeher zu den aufmerksamkeitsökonomisch Unterprivilegierten zählt. Aber beides zusammen, de Maizieres Katalog und Gabriels Instant-Soundbite, wirkt wie ein Zweikomponentengift. Es entsteht der Eindruck, dass der Staat demnächst dabeisitzen könnte, wenn jemand wegen einer psychischen Erkrankung den Arzt aufsucht. Weil angeblich wir alle hinschauen müssen. Abgesehen davon, dass – siehe oben – Ärzte schon jetzt alle Möglichkeiten und vor allem die Kompetenz haben: wer sollten wir alle sein? Nachbarn, denen jemand komisch vorkommt? Beamte ohne psychiatrische Kenntnisse? Eine Bundesgesundheitskammer? Politiker mit einer selbstzugeschriebenen Lizenz zum Tröten?

Wenn sich Amtsinhaber über Klimaforschung, Bankenrettung oder Duschkopfnormierung  verbreiten, geht es oft grotesk zu, aber eher harmlos angesichts des anrichtbaren Schadens. Beim Thema Depression und allgemein psychischen Krankheiten ist das anders. Von denjenigen, die an einer Major Depression leiden, nehmen sich etwa 15 Prozent das Leben. Etwa 10 000 Menschen töten sich in Deutschland jedes Jahr selbst, schätzungsweise 75 bis 80 Prozent davon wegen Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung. Organisationen wie die Stiftung Deutsche Depressionshilfe haben lange daran gearbeitet, das Stigma der psychischen Krankheit zu entkräften und Kranke zu ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Viele zögern auch heute noch, weil sie die Diagnose fürchten, weil sie Angst haben, in der Psychiatrie ihre Autonomie zu verlieren, weil sie Konsequenzen für ihr Arbeitsleben erwarten, wo ein  Dachschaden manchmal auch heute noch anders beurteilt  wird als ein Rückenleiden.

Wenn Politiker auch nur den Eindruck erwecken, Psychiater seien künftig meldepflichtig, psychisch Kranke würden das Objekt einer Kontrolle, dann wird das etliche davon abhalten, sich Hilfe zu suchen, besonders unter denjenigen, die ohnehin hin und her überlegen, ob sie sich zum Arzt begeben sollten. Mit anderen Worten: hier geht es in der Konsequenz um Menschenleben.

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom des Sigmar Gabriel ist dagegen vergleichsweise harmlos. 

 
 
 

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