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Schach ohne Würfel – Wenn Politiker über die Energiewende reden

Schach ohne Würfel – Wenn Politiker über die Energiewende reden

In immer mehr Schulen gilt die so genannte Kompetenzorientierung als ultimative Pädagogik. Das bedeutet: Schüler sollen kein altmodisches Wissen mehr erwerben, sondern Kompetenzen. Sie müssen nicht mehr wirklich eine Verhältnisgleichung lösen oder einen halbwegs fehlerfreien Aufsatz schreiben können. Eine kompetent wirkende Powerpoint-Präsentation tut es auch. Fakten, falls benötigt, kann jeder googlen. Der Darmstädter Pädagogikprofessor Peter Euler erfand dafür den schönen Begriff „Fassadenkompetenz“. Mit ihrer profunden Kompetenz-statt-Wissen-Ausbildung gehören die Schüler allerdings nicht zur Avantgarde. Eher zu gesellschaftliche Mainstream. Am besten zeigt sich in der Energiewendediskussion der Politiker, wie sehr Fachkenntnisse überschätzt werden. Im Streit um die künftigen Stromtrassen, der zurzeit zwischen dem Bund, Bayern, Hessen und Thüringen tobt, meldete sich der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linkspartei:

„Zunächst muss geklärt werden“, meinte Ramelow, „wer wie viel Strom in seinem Bundesland produzieren wird. Daraus leitet sich dann ab, welche neuen Stromtrassen tatsächlich notwendig sind und welche bestehenden Trassen nachgerüstet werden können.“

Möglicherweise glaubt der Regierungschef tatsächlich, dass sich daraus etwas ableitet. Aber es lässt sich erstens schon kaum sagen, welches Land wie viel Strom produzieren wird, da der Anteil der Grünenergie stetig wächst – und deren reale Energieerzeugung deutschlandweit zwischen 100 Prozent Bedarfsdeckung bei viel Wind und Sonne und weniger als fünf Prozent bei trübem Himmel und Flaute schwankt. Möglicherweise meint Ramelow die installierte Leistung in den einzelnen Bundesländern, also die technische Erzeugungskapazität. Aber auch die hilft bei der Rechnung nicht viel weiter. Denn ganz gleich ob reale Produktion oder Kapazität – es kommt erstens auch darauf an, wie viel Strom eine Region selbst verbraucht. Schleswig-Holstein etwa will am Ende seiner Windrad-Ausbaupläne das Sechsfache des eigenen Strombedarfs produzieren. Es braucht also dringend Leitungen, um den an vielen Tagen anfallenden Überschuss abzutransportieren. Zweitens spielt es eine Rolle, ob ein Land überwiegend Flatterstrom aus Wind und Sonne erzeugt oder Grundlaststrom aus Kohle und Gas. Wer vor allem auf Wind und Solarkraft setzt, braucht nicht nur Stromtrassen, die ihm dann umgekehrt Strom liefern, wenn das Wetter gerade die Energiegewinnung sabotiert, er benötigt auch die Sicherheit, dass irgendwo anders noch ausreichend konventionelle Kraftwerke bereitstehen, die einspringen können. Und drittens sollen die Stromtrassen nicht die Probleme der Gegenwart lösen, sondern die ab 2022, wenn das letzte Atomkraftwerk vom Netz geht. Es hängt also alles mit allem zusammen, was die Rechnung mit mehreren Unbekannten etwas schwierig macht. Wer installierte Kapazität mit Erzeugung und Zufallsstrom mit Grundlast verwechselt beziehungsweise die Unterschiede souverän ignoriert, könnte auch Dartpfeile auf eine Deutschlandkarte werfen und die Treffer verbinden – fertig wäre das Stromnetz.

Trösten kann sich Ramelow damit, dass er nicht als einzige Politiker die „Kompetenzenkompetenz“ (E. Stoiber) pflegt, also die Fähigkeit, einen Anschein zu erwecken. Bis heute gehört Cem Özdemirs TV-Auftritt von 2011 zu den Hits bei Youtube. (Hier geht’s zum Video). Damals redete der Grüne über die Stromproduktion in Deutschland, indem er mit hochkompetentem Gesichtsausdruck von erzeugten „Gigabyte“ redete. Die installierte Leistung hielt er für „Produktion“, ferner verblüffte er mit dem Rechenbeispiel, Deutschland verbrauche in Spitzenzeiten „80 Gigabyte“, erzeuge aber „140 Gigabyte“, um zu folgern: „Das Anderthalbfache haben wir also übrig von dem, was wir brauchen.“  Der Vortrag erinnert an den von Jan Böhmermann für Lukas Podolski getexteten Satz: „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.“

Özdemirs grüne Kollegin Katrin Göring-Eckardt wiederum erfand im Wahlkampf 2013 Pommesbuden, die von der EEG-Umlage befreit wären – was einen Jahresverbrauch der Kartoffelbräterei von 1000 Megawattstunden voraussetzen würde.  (Siehe: http://zdfcheck.zdf.de/faktencheck/eeg-umlage/)

Leider gibt es einen Unterschiede zwischen Politikern und kompetenztrainierten Schülern: die können notfalls tatsächlich die Winkelsumme im Dreieck googlen. Den Energiewendepolitikern geht es eher wie Piloten,die darüber rätseln, wie man die Kiste wieder herunterbekommt, während die Spritanzeige schon im roten Bereich steht. Die Verantwortlichen in Bundestags und Staatskanzleien simulieren zwar auch eine Lagebeherrschung, genau so wie der Sechstklässler beim Powerpointen. Aber sie sitzen an echten Steuerknüppeln.

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